Was ist Bildung?

Manuskript des Vortrags vor Oberstufenschülern des Hansa- und Luisengymnasiums am 10.12.1997, Reinhard Uhle

 

Einfache Fragen sind nicht einfach zu beantworten. Dies scheint für die simple Frage: "Was ist Bildung?" zunächst nicht zu gelten. In der Zeitschrift des Hochschullehrerverbandes "Forschung & Lehre" wird diese Frage regelmäßig an je einen Umversitätspräsidenten oder Forschungspreisträger gestellt, der porträtiert wird. Und da finden sich für dieses Jahr folgende Antworten von je einem Befragten:

 

  • "Vermittlung grundsätzlicher Kenntnisse, im Leben Informationen zu finden, sie zu nützen und zu verarbeiten. Bildung verweist auf grundsätzliche Regeln und Gesetze des Lebens oder
  • "Die Fähigkeit, das Wesentliche von dem Unwesentlichen zu unterscheiden." oder
  • "Über eigene trainierte Fähigkeiten zu verfügen und die trainierten Fähigkeiten anderer zu respektieren." oder
  • "Das Wissen, daß man nichts weiß."

Die Frage ist einfach, die Antworten kurz. Aber jeder der Befragten antwortet nicht auf die Frage: "Was ist Bildung?", sondern auf die Frage: "Was bedeutet Bildung für mich?" Und dann zeigt sich, "daß jeder seine eigenen Vorstellungen von dem hat, was "Bildung" genannt wird. Zum Teil übernehmen die Befragten einfach Antworten von anderen Menschen als ihre eigenen. Dies zeigt sich in der letzten. Antwort, Bildung sei das Wissen, daß man nichts weiß. Hier handelt es sich um einen berühmten Satz des Philosophen Sokrates. Hat bei diesem Satz Bildung etwas mit Wissen zu tun, so bei den vorhergehenden Sätzen mit "Fähigkeiten", nämlich einmal mit "trainierten Fähigkeiten" unspezifizierter Art und zum andern mit einer besonderen, speziellen Fähigkeit, nämlich "Wesentliches von Unwesentlichem" unterscheiden zu können. Und die erste Antwort thematisiert noch etwas ganz Anderes: Bildung hat mit Kenntnisvermittlung zu tun, also mit Belehrung, Unterrichtung, die ein ganz bestimmtes Ziel hat, nämlich mit Informationen umgehen zu können. Bildung ist hier nicht wie bei den anderen Antworten etwas, was man hat, sondern was man anderen gibt. Wenn die Frage: "Was ist Bildung?" als Frage aufgefasst wird: "Was bedeutet Bildung für mich?", dann kann man einfache, aber unendlich viele Antworten geben. Wenn man aber von sich selbst absehen und eine allgemeine, für viele geltende Antwort sucht, dann ist die Frage sehr, sehr viel schwieriger zu beantworten. Ich versuche, eine solche allgemeine Antwort zu geben, indem ich nicht frage, was Bildung für mich und beliebige andere Menschen bedeutet, sondern indem ich frage, wie oder auf welche Weise Bildung thematisiert bzw. erläutert werden kann und auch wird. Dazu teile ich die Frage: "Was ist Bildung?" in drei Unterfragen auf. Ich frage 1. "Was bedeutet Bildung heute, wenn ich Bildung soziologisch als Idee, eine Aufgabe betrachte?" Ich frage 2. "Was bedeutet Bildung, wenn ich Schulbildung soziologisch auf ihre Funktion hin betrachte?" Und ich frage 3. "Was bedeuten beide Betrachtungsweisen für Sie als Schüler?" Zunächst zur 1. Frage: Was bedeutet heute Bildung als eine Idee, eine Aufgabe? Ich beantworte diese Frage allgemein und nicht nur privat, indem ich darstelle, wie in der Wissenschaft von der Gesellschaft, der Soziologie, eine solche. Frage beantwortet werden kann. Bildung - so heißt es dort - ist eine Fähigkeit, die jeder Mensch. braucht, um mit den Anforderungen heutigen Lebens selbständig umgehen zu können: mit den vielfältigen Möglichkeiten heutiger Lebensführung. Im Unterschied zu früheren Zeit gibt es ein Mehr an "Optionen", an Wahlmöglichkeiten. Jeder hat eine Fülle von Freizeit- und Konsumangeboten. Von jedem wird berufliche und persönliche Mobilität verlangt. Jeder muss sein Leben selbst planen und entscheiden, zum Beispiel ob er allein, zu zweit, mit Kindern oder ohne Kinder später leben will. Jeder muss damit rechnen, dass sein Leben nicht in voraussehbaren Bahnen verlaufen wird, weil Berufs- und sonstige Lebensbedingungen sich schnell ändern. Jeder muss sich wie ein Schauspieler als der und der besondere Mensch inszenieren können, der sich von anderen unterscheidet, aber nicht so, dass er Außenseiter wird, sondern so, dass er Teil einer Gruppe und gleichzeitig für sich selbst ist. Bleiben wir bei letzterem: Jedes Ich muss ein besonderes Ich werden und Teil eines Wir. Wie kann man dies tun? Jeder präsentiert sich durch Outfit, Klamotten, Verhaltensweisen, Einstellungen als der und der, aber nicht so, dass er als ein völlig Fremder wahrgenommen wird. Jeder verhält sich wie ein Schauspieler mit einer bestimmten Rolle, die er sein will, aber innerhalb eines Rahmens, auf einer genau abgegrenzten Bühne. Und wie ein Schauspieler in seiner Rolle von der Kostümschneiderei abhängig ist, die ihm seine besondere Kleidung gibt, ist jeder vom Modemarkt gleichzeitig abhängig, um sich im Outfit als der und der präsentieren zu können. Jeder, der sich als Besonderer inszeniert, zum Beispiel: als Bungee-Springer, findet sich im Bungee-Springer-Club wieder. Jeder ist ein besonderes Ich und gleichzeitig ein Marionetten-Ich, hängt wie mit Fäden an Bedingungen seines Lebens. Jeder kann umziehen, aber nur wenn er eine Wohnung findet. Jeder kann sein eigenes Leben total verändern, aber nur wenn seine Krankenversicherung weiterläuft, er seine Rentenansprüche nicht verliert und wenn sich eine andere Berufstätigkeit findet. Jeder ist seines Glückes Schmied, aber nur, wenn für Pech eine Hängematte da ist. Dies unterscheidet heutiges Leben von einem Leben vor 200 Jahren, in dem durch die Tatsache, dass man Kind bestimmter Eltern war, man eine bestimmte Aufgabe hatte, eindeutigere Sitten und Gewohnheiten galten, was dazu führte, dass man weniger Wahlmöglichkeiten hatte und sich nicht als besonderes Ich präsentieren musste. Man war der Sohn oder die Tochter des Pastors oder des Arztes oder des Müllers. Man war etwas durch seine Herkunft und seine Stellung in der Gemeinde. Man galt etwas durch seine Ehre, indem man die Regeln seiner Umgebung einhielt. Dagegen wird von jedem Menschen heute verlangt, dass er selbst etwas aus sich macht. Verlangt wird eine zunehmende Selbststeuerung des eigenen Lebens, permanente Entscheidungen und Umorientierungen in einer gegenüber früher sich schneller ändernden Welt. Verlangt wird eine Selbststeuerung des Lebens, die rational durchschauend ist. Worauf will ich eigentlich mit meinem Leben hinaus? Worauf lasse ich mich ein? Welche Risiken gehe ich ein und welche Chancen bieten sich mir? Ist das nicht nur kurzfristig gedacht? Mache ich mir selbst etwas vor? Will ich das eigentlich oder etwas Anderes? Folge ich nicht nur einer Mode? Bin ich nicht nur Zeitgeistsurfer? usw. Und wenn ich mich dann entschieden habe, muss ich mich mit Anstrengung und Arbeit auf eine oder nur ganz wenige meiner Wahlmöglichkeiten einlassen, kann nicht alles offen lassen nach dem Motto, na ja versuchen wir's mal mit dem Partner oder dem Job. Das geht bestimmt schief: Ich muss mich voll und ganz auf etwas einlassen. Wenn es trotzdem schief geht, kann ich nur mich und keinen anderen Menschen dafür verantwortlich machen. Ich muss schon selbst wissen, was ich will und wie ich Mühe, Geld und Anstrengung aufwenden will, um etwas aus meinem Leben zu machen. Diese Fähigkeit wird "Selbstechnokratisierung", wird die Fähigkeit zur Selbststeuerung des eigenen Lebens genannt. Die Befähigung dazu, den Erwerb solcher Fähigkeit kann man als "Selbstbildung" oder als Aufgabe "persönlicher Bildung" oder "Persönlichkeits- bzw. Charakterbildung" nennen. Bildung heißt hier Arbeit an der eigenen Person (Selbstbildung) im Verlaufe seines Lebens, um ich-stark sein eigenes Leben auch eigenständig und nicht-marionettenhaft führen zu können. Und dies heißt vor allem eigenständiges Denken, Fühlen und Wollen selbst zu entwickeln, das aber nicht privatistisch oder bloß egozentrisch ist. Sonst ende ich als Außenseiter oder in der Psychiatrie. Wenn schulische Einrichtungen oder Unterrichtsanstalten Bildungsanstalten sein wollen und nicht bloße Schuleinrichtungen, dann muss man von ihnen verlangen, daß sie eine Vorstellung davon haben, wodurch sie der Persönlichkeitsentwicklung, der Selbstbildung hilfreich zur Seite stehen können. Welche Fähigkeiten des Denkens, Fühlens und Wollens sollen durch welche Fächer besonders gefördert werden und welche Mängel durch sie beseitigt werden, zum Beispiel den Mangel an Selbstdisziplin: weiter schlafen, wenn es im Bett noch so kuschelig ist. Wenn Schule sich als Bildungs- und nicht als Unterrichtsanstalt begreift, dann muss sie in der Form eines Fächer- als Bildungskanon sagen, mit welchen ausgewählten, exemplarischen, fundamentalen kulturellen Inhalten oder Methoden der Kulturaneignung solcher Persönlichkeitsentwicklung am besten gedient ist. Für die Aneignung von nur ausgewählten Fächern aus der Vielheit von möglichen Fächern (man denke nur, wie viele Sprachen es gibt und wie wenige davon Unterrichtsfächer werden) und in der Aneignung von nur wenigen Themen aus der Vielzahl von Themen innerhalb eines Faches müssen die ausgewählt werden, die der Persönlichkeitsentwicklung dienlich sind. Wenn man dies tut, dann entspricht man dem Bildungsauftrag der Schule und folgt nicht bloß den Forderungen etwa der Wirtschaft, des Handwerks oder der Technik, Berufs- oder Spezialqualifikation zu betreiben, sondern Allgemeinbildung. Einer solchen Allgemeinbildung kann es nicht um ein Sich-Auskennen, um bloßes Auswendig-Lernen gehen. Dieser schulischen Bildung muss es darum gehen, die Fähigkeit zur eigenständigen gesamten Lebensführung zu befördern. Dazu kann man sich auf Humboldt als dem Gründer des allgemein bildenden Schulwesens berufen. Für ihn ist der Gebildete derjenige, der "soviel Welt als möglich zu ergreifen, und so eng, als er nur kann, mit sich zu verbinden sucht". Das heißt nur der kann schulisch auch persönlich gebildet werden, der mit Fächern und Themen im Unterricht persönliche Bedeutung verbindet, über Fächer und Themen Welt zu entdecken, zu verstehen und zu gestalten vermag. Wenn Schule mit Humboldt eine Bildungsanstalt sein soll, dann lässt sie Welt über Literatur, über Physik, über Mathematik, Geschichte und Kunst begreifbar werden, und zwar so, dass damit der Persönlichkeitsentwicklung in einer Weise gedient wird, die im sonstigen Alltagslernen nicht vorhanden ist. In meinem Leben lerne ich immer etwas dazu. Nur was ich im Alltag s o nicht von selbst lernen würde, ist Aufgabe schulischer Bildung. Mit solcher Beschreibung fasse ich aber nur das Ideal von schulischer allgemeiner und nicht spezieller Qualifikation: Sie soll etwas tun oder leisten, nämlich: der Persönlichkeitsentwicklung dienen. Eltern, Schüler und andere nehmen sie aber ganz anders wahr. Schule vergibt Berechtigungsscheine, Zeugnisse und Noten. Sie vergibt sogenannte "Bildungspatente". Und damit bin ich bei meiner 2. Unterfrage: "Was bedeutet schulische Bildung, wenn ich sie soziologisch auf ihre Funktion hin betrachte?" Ich gehe nicht auf verschiedene Funktionen ein, sondern nur auf zwei, auf ihre Funktion, Bildungspatente zu vergeben, und auf ihre Funktion, den Bildungsbürger herzustellen. Die Idee, Persönlichkeitsbildung und schulischen Unterricht miteinander zu verbinden, entstand um 1800. Der Gedanke, erst Selbstbildung zu befördern und dann erst Menschen zu qualifizieren, wurde ein Erfolgsprogramm. Noch erfolgreicher aber wurde bis heute eine zweite Idee, nämlich Tätigkeiten in Staat, Gesellschaft und Wirtschaft nicht einfach von denen übernehmen zu lassen, die "von Geburt" dazu bestimmt waren, sondern an Bildung im Sinne von Selbstbildung und Qualifizierung zu binden. Das heisst der Adel sollte nicht einfach deshalb Offizier, Bischof oder Staatsrat werden, weil er von Familie war, sondern weil er Gymnasien und Universitäten durchlaufen hatte, was dann auch Bürgerliche tun konnten. Der Goldschmied sollte nicht deshalb Goldschmied werden dürfen, weil sein Vater Zunftmitglied war, sondern weil er eine Fachprüfung abgelegt hatte. Die konnten aber auch andere Kinder erwerben. Flächendeckend wurde im 19. Jahrhundert Staat und Gesellschaft mit Zertifikaten, Diplomen und Zeugnissen überzogen bis heute hin, indem an fast alle Tätigkeiten des Arztes oder Klempners die Bedingung der "Fachprüfung" gebunden ist. Weil auch für solche Vorbereitungen auf Zertifikate schulischer Unterricht verantwortlich wurde, gewöhnte man sich daran, auch solche Vorbereitungen auf Fachprüfungen "Bildung" zu nennen und Zertifikate "Bildungspatente". Jeder Schüler kann schulischen Unterricht als Patenterwerb betrachten, jeder Lehrer als Patentvergabe. Dann braucht man Schule nicht zu besuchen, um an seiner Selbstbildung zu arbeiten, sondern um Noten und Zeugnisse zu erwerben oder zu vergeben. Mit der flächendeckenden Überziehung der Gesellschaft durch Fachprüfungen entstand eine nicht mehr ständisch organisierte Gesellschaft, sondern eine "meritokratische", das heißt eine nach Qualifizierungsleistungen geordnete Gesellschaft. Jeder kann in Arbeit an Zertifikaten investieren und dafür Leistungen erbringen. Für den Bereich der gymnasialen und universitären Bildung, nicht im Sinne der Qualifizierung, entstand noch etwas Besonderes: der Bildungsbürger. Der neue Adel wurde der Bürger, der "gebildet" war, das heißt der in ausserqualifikatorische Arbeit investierte. Im 19. Jahrhundert entstand eine merkwürdige Verbindung zwischen Bildung und Geisteskultur. Als gebildet galt nicht der Manager, der kompetent, kundenfreundlich, personalbetreuend (heute vielleicht ökologisch denkend) mit Menschen umging, sondern der Goethe und Schiller zitieren konnte, ins Konzert und Theater ging. Der Gedanke der Bildung bezog sicch nicht auf Technik, Wirtschaft, Menschenführung, sondern auf geisteswissenschaftliche Fächer, technische, wirtschaftliche, naturwissenschaftliche Einarbeitungsprozesse galten nicht als technische, wirtschaftliche oder soziale Bildung. Gebildet war man, wenn die Hausfrau eines Besitzbürgers Geschäftsfreunde zur Party einlud und vor dem Essen ein Klavierstück vorspielen ließ, damit nach dem Essen der Ehemann mit den Freunden Geschäfte abschließen konnte. Bildung wurde zum Ornament, zum schmückenden Beiwerk jedes Menschen wie bei Frauen die Halskette und der Ohrring. Diese Bildung hat nichts mit Selbstbildungung, sondern viel mit der Möglichkeit zu tun, sich von anderen Gesellschaftsmitgliedern abzugrenzen: zu den Gebildeten zu gehören. Deshalb gehört zum Nachdenken über Selbstbildung auch immer der Gedanke der Bildungskritik. Solche Kritik ist Kritik an "Halbbildung" oder an "Bildungsphilistertum". Denn diese Inanspruchnahme von Bildung ist bloß äußerlich, hat nichts mit Selbststeuerung des eigenen Lebens zu tun. Damit komme ich zu meiner letzten Frage: "Was hat die bisher von mir entwickelte allgemeine Antwort auf die Frage "Was ist Bildung?" mit Ihrem Schülersein zu tun? Das Programm von schulischer Bildung im Sinne der Trennung von allgemeiner Persönlichkeitsbildung und spezieller oder beruflicher Bildung war und ist ein erfolgreiches Programm. Noch erfolgreicher war und ist der Gedanke der meritokratischen Bildungspatentvergabe. Man kann den Erfolg an folgendem ablesen. Heute sind täglich in Deutschland 1,7 Millionen Menschen in Lerneinrichtungen, die eventuell Bildungseinrichtungen sein könnten, tätig. Die Öffentlichkeit zahlt dafür jährlich 171 Milliarden DM (für Schulen 87 Milliarden), ohne dass dabei Privatausgaben wie innerbetriebliche Weiterbildung oder Nachhilfekosten für Eltern gerechnet werden. Dieser gewaltige Erfolg' verdankt sich nicht nur der Erfolgsgeschichte des 19. Jahrhunderts, sondern auch weiteren Aufgabenzuschreibungen vor allem der letzten 30 Jahre. Dem Schul- und Ausbildungssystem wurden auch politische und soziale Aufgaben zugeschrieben; über Schulen und Universitäten soll Chancengerechtigkeit im Sinne von Schichtenmobilität ermöglicht werden - über Schule und Universitäten soll Forschung und Ausbildung als wirtschaftlicher Standortvorteil auf den Weg gebracht werden - und einiges mehr. Dies alles führte in den letzten 30 Jahren zu einem ungeheuren Zulauf in weiterführende Lerneinrichtungen. Dafür nur ein Beispiel: 1952/53 besuchten 6,1 % aller Siebtklässler eine Realschule und 13 % ein Gymnasium - 1992/93 sind 26,9 % der Siebtklässler auf der Realschule und 31,9 % ,auf dem Gymnasium. Fünf Klassen im Gymnasium in NRW und Baden-Württemberg erreichten 1952/53 ohne "Ehrenrunde" oder Abgehen zu 39,2 % das Abitur. In den 80er Jahren waren dies 72,5 %. In NRW blieben Gymnasiasten in den sechziger Jahren zwischen 9 % und 10 % jährlich sitzen, zu Beginn der 90er Jahre 4 % bis 4,5 %. (Vgl. Block, Klemm 1997, S. 15f) Die Erfolgsgeschichte hat wie alle Erfolgsgeschichten auch Schattenseiten: Bildungspatente werden immer wichtiger, aber auch immer weniger lebenserfolgsversprechend, weil viele sie erwerben. Dabei ist ein Sonderproblem die Misserfolgsgeschichte derer, die keine Patente oder die falschen erwerben. Was bedeutet dieser Hintergrund für Schüler? Über Erziehungssoziologe Hurrelmann (1990, S. 133f, zit. n. Block, Klemm 1997, S. 70) beschreibt dies so: "Charakteristisch und vorherrschend (sc. bei Schülern) ist die Einschätzung, man müsse zur Schule gehen, weil man nur auf diese Weise notwendige Qualifikationen, und Berechtigungen für die Zeit nach der Schule [...] erwerben könne. [...] Die meisten Schüler legen ihrer Tätigkeit in der Schule eine mechanistische Sinnkonstruktion zugrunde: Der tiefere Sinn des Schulbesuchs enthüllt sich demnach dann, wenn man die Schule verlassen hat und in das (Berufs)Leben eintritt. Die Jugendlichen sehen die Aufgabe der Schule in erster Linie in der Vorbereitung auf und der Vergabe von Abschlusszertifikaten, die Berechtigungsnachweise für bestimmte weiterführende Bildungs- und Ausbildungsgänge darstellen. Einen unmittelbaren Nutzeffekt der schulischen Aktivitäten zu benennen, fällt ihnen schwer. [...] Die Schulzeit wird von Jugendlichen als 'verlorene Lebenszeit' definiert, wenn sie keine erkennbaren, instrumentell verwertbaren Nutzeffekte für die Beeinflussung der nachfolgenden Berufs- und Lebensbahn mit sich bringt." Schulische Bildung wird also hier auf dem Hintergrund von Interviews mit Schülern von Jugendlichen als Möglichkeit des Bildungspatenterwerbs verstanden. Die Idee der Selbstbildung als Selbststeigerung kommt gar nicht mehr in den Blick. Aber dies ist der Bildungssinn, den das 18. Jahrhundert den Institutionen mit auf den Weg gegeben hat. Mit dem Selbstbildungsgedanken können Ansprüche von Schülern auf ein bestimmtes, nämlich bildendes Unterrichten, und an einen bestimmten Sinn der Fächer gestellt werden, nämlich Weltverstehen und -gestalten zu ermöglichen. Jeder Schüler hat die Wahl im Sinne der Selbsttechnokratisierung seines Ich, in schulischer Bildung nur den Bildungspatenterwerb zu sehen oder den Erwerb von Bildungsornamentik oder die Ermöglichung der "Ergreifung von Welt und Verbindung des Ich mit Welt", wie Humboldt es sinngemäß formulierte. Jeder Lehrer kann sich als Zertifikatvergeber oder Menschenbildner verstehen. Dies alles ist nicht in erster Linie eine Frage des Geldes, sondern des Sinns, den ich der Zeit des Aufenthalts in Bildungsinstitutionen gebe. Alle Sinnbestimmungen müssen mit Arbeit und Anstrengung verbunden sein, wenn Schule nicht nur als Ort des Wohlbefindens, sondern der Qualifikation oder Bildung verstanden wird. Zur Begründung, warum ich selbst dem Sinn der Selbststeigerung den Vorzug geben würde, möchte ich eine Glosse vorlesen, an der mir deutlich wird, dass instrumentelles Denken nicht der Weisheit letzter Schluss sein kann: "Zum Thema 'Sparen': Schuberts Unvollendete" Ein Vorstandsmitglied eines Großunternehmens hatte Konzertkarten für Schuberts unvollendete Symphonie bekommen. Er war verhindert und gab die Karten seinem Fachmann für Arbeitsstudien und Personalplanung. Am nächsten Morgen fragte das Vorstandsmitglied den Mitarbeiter, wie ihm das Konzert gefallen habe. Und anstelle einer Pauschalkritik überreichte ihm der Experte für Arbeitsstudien und Personalplanung ein Memorandum, in dem es heißt: Für einen beträchtlichen Zeitraum hatten die vier Oboe-Spieler nichts zu tun. Ihr Part sollte deshalb reduziert, ihre Arbeit auf das ganze Orchester verteilt werden. Dadurch würden auf jeden Fall gewisse Arbeitszusammenballungen eliminiert werden. Alle zwölf Geiger spielten die gleichen Noten. Das ist unnötige Doppelarbeit. Die Mitgliederzahl dieser Gruppe sollte drastisch gekürzt werden. Falls wirklich ein großes Klangvolumen erforderlich ist, kann dieses auch durch elektronische Verstärker erzielt werden. Erhebliche Arbeitskraft kostete das Spielen von Zweiundreißigstel Noten. Das ist eine unnötige Verfeinerung. Es wird deshalb empfohlen, alle Noten auf- beziehungsweise abzurunden. Würde man diesem Vorschlag folgen, wäre es möglich, Volontäre und andere Hilfskräfte einzusetzen. Unnütz ist es, dass die Hörner genau jene Passagen wiederholen, die bereits von den Saiteninstrumenten gespielt wurden. Würden alle überflüssigen Passagen gestrichen, könnte das Konzert von fünfundzwanzig Minuten auf vier Minuten verkürzt werden. Hätte Schubert sich an diese Erkenntnis gehalten, wäre er wahrscheinlich im Stande gewesen, seine Symphonie zu vollenden.