Gedanken zu den Voraussetzungen von Unterricht

Der Zauberer Korinthe

Angeregt von und sehr frei nach: James Krüss

Es lebte einst ein Zauberer
Kori, Kora, Korinthe,
der wohnt’ in einem Tintenfaß
und zauberte mit Tinte.

Wenn jemand damit Briefe schrieb
und schmi, schma, und schmollte,
so schrieb er etwas anderes,
als was er schreiben wollte.

Dies ist ein wunderbarer Trick
im Fi, im Fa, im Falle,
dass man sich sehr geärgert hat
und überläuft die Galle.

Wenn ich zum Beispiel wiederholt
entdi, entda, entdecke,
dass Brot herumgeworfen wird,
Papier in jede Ecke,

dass Becher aus der Café-Bar
geni, gena, genommen
und, leider!, nicht von selbst zurück
an ihren Platz gekommen,

dass Tafeln weißverschmirt im Raum
gebli, gebla, geblieben,
weil niemand reinigen gewollt,
was Lehrer draufgeschrieben –

wenn, was besonders scheußlich ist
zu si, zu sa, zu sehen,
Kaugummireste, ausgespucket,
sich auf der Treppe blähen,

wenn alles dies mich ziemlich kränket
im Hi, im Ha, im Herzen
und ich Herrn Banse schuften seh,
dem bald vergeht das Scherzen,

dann denk ich: Schreib für’s „Hansa“-Heft
es ni, es na, es nieder,
dass alle Kinder lesen es
und tun es nicht mehr wieder!

Doch kommt vielleicht Korinthe jetzt
ganz li, ganz la, ganz leise
mit seiner Zaubertinte her
und ändert meine Weise.

Dann steht da plötzlich: „Ganz genau
besi, besa besehen,
bemühen Groß’ und Kleine sich,
sorgfältig umzugehen

mit ihrem schönen Schulhaus und
den Sie, den Sa, den Sachen,
die ihnen doch das Leben wie
das Lernen leichter machen.“

Da hat der Zauberer wohl recht,
Kori, Kora, Korinthe,
wenn lieber er nur Gutes schreibt
mit seiner Zaubertinte!

Eigentlich wollte ich es bei diesem Versuch, ein Problem zu benennen, das uns ziemlich zu schaffen macht, belassen. Es scheint mir aber inzwischen, als müsste man doch genauer erklären, was sich da entwickelt, wenigstens es zu erklären versuchen, und zwar uns selber, natürlich auch den Schülerinnen und Schülern und, las not least, den Eltern, die vielleicht von uns immer noch erwarte, was wir gar nicht mehr leisten können.

Reinhard Lempp, jetzt emeritierter Direktor der Kinderpsychiatrie der Universitätsklinik in Tübingen, hat kürzlich im Kösel-Verlag ein Buch veröffentlicht, das er betitelt: „Die autistische Gesellschaft ‑ Autismus: „Kontaktstörung mit Rückzug auf die eigene Vorstellungs- und Gedankenwelt und Isolation von der Umwelt“ (Pschyrembel, Klinisches Wörterbuch) – Geht die Verantwortlichkeit für andere verloren?“ Was er dort über die Sinnlosigkeit von Prüfungen und Benotung sagt (S. 115 ff.), macht diesen Text allein schon zu einer wichtigen Lektüre für alle, die erziehen. Aber sein Titel verweist darüber hinaus auf ein Phänomen, das wir auch in unserem Schulalltag zunehmend beobachten: Es besteht nur noch Interesse für das, was mich, mein Fortkommen, meine Vorteile und meine Bequemlichkeit betrifft; und dass Gemeinschaft immer mehr ist als Summe der Einzelnen, die sie bilden, und auch Ersatz für das Ganze verlangt, damit dieses Ganze überhaupt bestehen kann, wird – so scheint es zumindest – oft nicht gesehen. Ich kann eben z.B. nicht meine Abfälle einfach irgendwo liegen lassen, nur weil es mir grad zu mühsam ist, drei Schritte bis zum Papierkorb zu gehen. Ich kann nicht einfach Bilder demolieren, nur weil ich ihre Aussage nicht verstehe oder sie meinem Geschmack nicht entsprechen. Ich kann nicht einfach ausspucken, mitten im Schulgebäude, nur weil ich das für ein „cooles“ Gebaren halte, das die Fußballer im Fernsehen vormachen. Schließlich müssen alle Verschmutzungen und Zerstörungen wieder in Ordnung gebracht werden; und am meisten bedrückt den, der diese Dinge über längere Zeit beobachtet, die völlige Gleichgültigkeit gegenüber den Interessen anderer und auch – das betrifft die Zerstörungen an den in den Fluren aufgehängten Bildern – eine offenbar bei mindestens einigen SchülerInnen nicht mehr vorhandene Bereitschaft, sich mit etwas auseinanderzusetzen, das nicht von vornherein verstanden wird. (Man denkt an Neil Postmans Feststellung, dass das Fernsehen uns alle auf das Niveau von Zehnjährigen befördert.)

Ich möchte dazu noch ein Wort sagen. In der Öffentlichkeit des Hansa-Gymnasiums ist inzwischen bekannt, dass mir persönlich an der Gestaltung unserer Schule sehr gelegen ist. Es geht mir dabei nicht um die Klassenräume. Jede Klasse kann und soll mit Unterstützung des Klassenlehrer oder der –lehrerin ihren Raum ausgestalten mit den Bildern, die alle sehen möchten. Die Flure und Treppenhäuser dagegen sind Raum, in dem alle sich bewegen müssen. Was dort hängt, mus, auch auf längere Zeit, ansehbar sein, und darüber hinaus muss es, zumindest meiner persönlichen Auffassung nach, dem Erziehungsauftrag der Schule entsprechen. Ich gehöre nicht zum Fachkollegium der Kunsterzieher, aber von meiner Beschäftigung mit Philosophie her mein ich, dazu etwas sagen zu dürfen. Wir leben in einer Zeit ständig wachsender Bilderüberflutung; und was unsere Kinder an Bildern erreicht, ist ganz überwiegend verlogen oder scheußlich oder beides. Dagegen Bilder zu setzen, die etwas von der Entwicklung des Ab-Bildes, des Kunstwerkes in Europa wiedergeben und deren Wirkung bis in die ganz moderne Kunst hinein beobachtet werden kann, scheint immer noch richtig, lohnend und auch notwendig. Und es trifft mich dann schon, wenn Kinder nicht einmal mehr unterstellen, ihre Lehrer könnten sich bei der Ausstattung der Schule etwas denken, und in einer Mischung von Dummheit und Unverschämtheit einfach demolieren, was ihnen nicht passt.

Ich möchte das nicht überbewerten. Wahr ist aber, dass wir das ständige Reduzieren von Mitteln und Hilfen deutlich merken und uns dem Punkt nähern, wo wir sagen müssen: So geht es überhaupt nicht mehr. Schülerinnen und Schüler müssen begreifen, dass die Schule um ihretwillen da ist und dass wir nicht ohne oder, erst recht, gegen sie eine ordentliche, gepflegte, halbwegs angenehme Schule aufrechterhalten können, aus der sie sich schließlich die geistigen Grundlagen für ihre leben mitnehmen sollen. Im Klartext: Wir haben niemanden, der in Ordnung bringen kann, was Gleichgültigkeit und Willkür der Kinder ruiniert. Die Zeiten, als sie sich sagen konnten: „Ach, die Putzfrauen werden ja dafür bezahlt“, sind, wenn es sie überhaupt je gegeben hat, bestimmt vorbei. Andererseits können wir aber in einem Schweinestall (ich will das ruhig so hier hinschreiben) keine wunderbaren geistigen Werte vermitteln und keine „Reife“ aussprechen, denn nicht begriffen zu haben, dass ich zu Gemeinschaft mein Teil beitragen muss, ist eben Zeichen einer nicht erlangten Reife. So fürht sich unsere ganze Arbeit ad absurdum, wenn es uns nicht gelingt, den Kindern begreifbar zu machen, dass zunächst die Voraussetzung dieser Lern- und Lehr-Arbeit, nämlich ein mindestens erträglicher äußerer Raum von Benehmen, gegeben sein mu´.

Um einem möglichen Einwand zu begegnen: Ich weiß, dass es in der Welt, die uns umgibt, allem Anschein nach anders aussieht im Moment. Die Signale, die da gesetzt werden, erschweren uns unsere Arbeit ganz außerordentlich. Sie besagen, pointiert formuliert: Nur Egoismus zählt, nur Geld zählt, nur Macht zählt; Macht hat der Stärkere, und der drückt seine Interessen durch, ganz gleich, was die Folgen sein mögen, und notfalls mit Einsatz von Gewalt. Rücksichtnahme, Einfühlungsvermögen, liebevolles Eingehen auf den anderen, Muße, Pflege geistiger Interessen – alles altmodischer Kram, etwas für Dumme, für Frauen vielleicht, die eben dumm genug sind, den Dreck von anderen wegzumachen ... Wir sollen ja in den nächsten Jahren das entwickeln, was die Behörde so schönklingend ein „Schulprofil“ nennt, wir sollen also Schwerpunkte bilden, sollen klären, was wir erreichen wollen und wie wir das wollen. Ich persönlich glaube, dass alle Bemühungen in dieser Richtung getragen sein müssen von der Einsicht, dass ohne anständiges, faires und rücksichtsvolles Verhalten aller an Schule Beteiligten jede Bemühung um ein besonderes Profil lächerlich ist, ein Bauen auf Sand, um das biblische Bild zu benutzen.

Man verzeihe mir, wenn ich etwas hoch greife. Der Zusammenbruch der kommunistischen Herrschaft wird vielfach interpretiert als Sieg des Kapitalismus, der schrankenlose Konkurrenz, Rücksichtslosigkeit und völlig enthemmtes Profitstreben bedeutet. Wir erleben im Moment, dass bei uns um die Grundlagen des Sozialstaats gekämpft werden muß und dass ganz deutlich die Schwachen und materiell Mittellosen abgewertet werden. Schule geht immer noch von anderen Voraussetzung aus. Schule glaubt immer noch, dass in einem Ganzen alle ihren Platz, ihren Wert und ihre Aufgabe haben. Schule weiß, dass nur das liebevolle Annehmen des anderen ihm ermöglicht, seine Fähigkeiten zu entwickeln. Aber der Außendruck einer zunehmend unmenschlich geprägten Welt verstärkt sich, und wir sehen mit Sorge, was da auf uns zukommt. Ein Schimmen gegen den Strom ist es allemal, und wir können nur hoffen, dass die Kräfte dafür reichen.

Elisabeth Kasch für einen Artikel in „Hansa – Die Schule“ im November 1996