Liebe Lehrer, liebe Eltern, liebe Mitschüler,

im Anschluß an Herrn Andersen möchte auch ich noch einige Worte über unsere Schulzeit und besonders über unsere jetzige Situation sagen. Und noch eine kleine Warnung vorweg, denn diese Rede wird nicht nur gesprochen, sondern auch gestaltet.

Alles begann mit unser damals wahnsinnig aufregenden Einschulung und der anschließenden Ralley durch das Schulgebäude. Wir hatten einen riesigen Spaß dabei, die Treppenstufen zu zählen und die Großen heimlich nach Antworten auszuquetschen.

 

[Spiel]

 

An diesem Tage standen wir an dem Anfang unserer Schullaufbahn auf dem Gymnasium. Wir standen auf einer der untersten Treppenstufen der langen Treppe des Lebens und waren enthusiastisch, diese Treppe langsam weiter emporzuklettern. Zu Beginn war alles neu und spannend, und die Höhepunkte des Schulalltages waren die großen Pausen. Entweder wir begaben uns direkt auf die Flucht in das Atrium, wo kriegen gespielt wurde, nicht zu vergessen, daß am dicken Baum "mie" war, oder wir versteckten uns hinter den Gardinen im Klassenzimmer, wo wir dann darauf warteten, von dem gefährlichen Herrn Reinke auf frischer Tat ertappt zu. Und jetzt stellt Euch einmal vor, uns würde heute einer die Treppenstufen zu zählen geben. Besonders viel Spaß hätten wir sicher nicht daran. Und ich glaube, wenn nun jemand fragen würde, ob wir kriegen spielen wollen, würde er allerhöchstens mal ein müdes Lächeln ernten. Was ich damit ausdrücken möchte, ist nicht, daß wir alle während unserer Schulzeit furchtbar langweilig geworden sind, sondern vielmehr, daß wir uns alle im Laufe der Zeit auf dem Gymnasium verändert haben. Daß unsere wichtigste Entwicklungsphase vor sich ging, als wir hier auf der Hansa-Schule waren. Hier sind wir einige Stufen auf der Lebenstreppe emporgestiegen.

 

Nun liegt die Frage nahe, ob die Schule uns bei dieser Entwicklung unterstützt hat. Meiner Meinung nach hat sie es insofern getan, daß wir durch so ein vielfältiges Angebot an Fächern die Chance hatten, uns in völlig verschiedene Richtungen zu orientieren. Sei es Musik, Sport, Geschichte oder Chemie, wir lernten ganz verschiedene Bereich kennen und hatten für uns die Möglichkeit, erstens ein breites Allgemeinwissen anzueignen und zweitens unsere Vorlieben und Neigungen herauszufinden. An dieser Stelle liegt der Kritikansatz nahe, daß wir zu all dem Fächerangebot einer Spezialisierung im Wege stehe, doch, äh, die Kritik an unserem Schulsystem, zum Beispiel im Vergleich zum englischen, ist ein weiteres umfangreiches Thema, das ich an dieser Stelle aber nicht diskutieren möchte.

 

Fest steht, daß unsere Entwicklung nicht in eine bestimmte Richtung gelenkt wurde. Außerdem ist es wichtig, daß wir gelernt haben, bestimmte Aufgaben bis zu einem vorgegebenen Zeitpunkt fertiggestellt zu haben. So mußten wir uns die Zeit einteilen und planen, um jeweilige Arbeitstermine[...]* abgeben zu können. Durch Gruppenarbeit den Teamgeist zu fördern, hat in vielen Fällen eher fehlgeschlagen. Oft lief es darauf hinaus, daß einer die ganze Arbeit allein erledigte, oder aber, daß vor lauter Teamgeist die Arbeit zu kurz kam. Auf jeden Fall war alles während der gesamten Schulzeit genau vorgegeben. Die Aufgaben und ebenso der [...]* bzw. Abgabetermin. Wir mußten also selbständig etwas erarbeiten, was jedoch stets - mit Ausnahme von wenigen freien Projekten - genau festgelegt war.

 

Jetzt haben wir unser Abitur in der Tasche und stehen plötzlich vor einer ganz neuen Situation. Nun ist nicht mehr vorgegeben, was wir tun sollen. Die Jungs müssen zwar zuerst noch ein Jahr zur Bundeswehr oder zum Zivildienst, doch dann müssen auch sie sich weiter orientieren. Hier stehen wir vor all den Möglichkeiten, die die Berufswelt bietet, und es ist schwer zu sagen, welcher Weg der richtige ist. Die Treppe des Lebens teilt sich plötzlich in unzählige kleine Abschnitte auf, deren Ende man nicht erkennen kann. Welches ist nun der Weg, der nach oben führt? Das kann uns die Schule nun auch nicht mehr beantworten. Jetzt heißt es nicht mehr: Alles, was du tun sollst, ist brav die Schultreppe hinauf zu gehen, sondern es lautet eher, überlegt dir gut, welche Treppe du hinaufsteigst, denn nicht jede führt dich [wirklich] ans Ziel. Aha, doch was ist überhaupt ein Ziel? Natürlich gibt es Eltern, Lehrer, Freunde, Bekannte, die dir Tipps geben und helfen. Doch am Ende ist es doch deine Entscheidung, denn nur so kannst Du wissen, was dir liegt und was Du willst.

 

[Spiel]

 

So geht es vielen von uns. Doch es gibt tatsächlich auch diejenigen in unserer Stufe, die bereits genaue Vorstellungen haben oder sich zumindest schon einmal für einen Ausbildung oder ein Studium entschieden haben. Ulrike Baade zum Beispiel fängt sofort eine Ausbildung zur Chemielaborantin an, während Bilge Ileri sofort beginnt, Physik zu studieren, um dann im nächsten Jahr auf Musik umzusteigen. Melike Demirtasch geht erst einmal als Au-pair-Mädchen nach New York. Letztendlich wird jeder von uns Abiturienten seinen Weg finden, doch im Augenblick fällt die Entscheidung schwer, wo wir beginnen bzw. mit dem Lernen weitermachen sollen. Ich bin jetzt schon gespannt, in welchem Berufsfeld wir alle landen werden.

 

[Spiel]

 

Ob Arzt, Businessman oder Arbeitsloser - heutzutage sieht die Berufswelt ganz anders aus, als noch vor etwa 30 Jahren. Damals konnte man sich für einen Beruf entscheiden und davon ausgehen, diesen zumindest einen Großteil des Berufslebens ausüben zu können. Doch wir werden wahrscheinlich mehreren verschiedenen Tätigkeiten nachgehen. Denn die Treppe des Lebens hat nun keinen schnurgeraden Verlauf mehr, sondern sie bewegt sich im Zickzack. Mal auf und mal ab. Deshalb werden heute besonders Flexibilität, Eigeninitiative und Ausdauer gefordert. Durch diesen Wandel wird die Schule immer stärker die Aufgabe übernehmen müssen, die Schüler zur Selbständigkeit zu erziehen. Während der Schulzeit fühlt sich der Schüler nämlich leicht geborgen in der geregelten Welt der Schule und er verfällt leicht in den Glauben, daß er erst mal das Abitur erledigen kann, um sich danach für eine Ausbildung oder ein Studium zu entscheiden. Meiner Meinung nach könnte die Hansa-Schule neben den zahlreichen existierenden Berufswahlinformationen den Schülern noch deutlicher machen, daß eine Bewerbung um einen Ausbildungsplatz schon Ende der zwölften Klasse fällig wird. Dieser doch wichtige Termin geht einem sonst leicht durch die Lappen. Das könnte unter Umständen zu Frustration führen.

 

Um zum Ende zu kommen, möchte ich noch sagen, daß dies vielleicht keine typische Abi-Rede war. Aber dafür ähnelt sie der heutigen Zeit: Sie ist zukunftsbezogen und beinhaltet kleine Überraschungen. Genau wie das Berufsleben, das uns erwartet. Man weiß nie, ob die Truppe freigeräumt ist, oder ob sie plötzlich von einem Felsblock versperrt wird. Da lobe ich mir doch die unkomplizierte Schulzeit. Wißt Ihr noch, wie wir damals über Frau Wölks Gesten im Bio-Unterricht gelacht haben? Wie wir uns gefreut haben, als Herr Andersen uns einmal Negerküsse mitgebracht hat? Welchen Spaß wir beim weihnachtlichen Tannenbaumverkauf hatten? Was für eine Angst wir hatten, nachdem wir heimlich eine Hausaufgabe abgeschrieben haben? Wie aufgeregt wir vor der Modenschau in der siebten Klasse waren? Wie wir auf den Unterstufendiscos unsere ersten Tanzversuche gemacht haben? Oder wie wir bei Herrn Wolfrum immer heimlich einen Spaziergang statt des Waldlaufes machten und natürlich trotzdem schweratmend zurückkamen?

 

Zusammen haben wir eine ganze Menge durchgemacht. Und besonders innerhalb der letzten zwei Jahre haben wir uns noch einmal besser kennenlernen können. Dazu haben auch die tollen Reisen wie unsere LK-Fahrt nach Malta beigetragen. Für die Möglichkeit, all dies zu erleben, möchte ich als erstes unseren Eltern und dann natürlich auch den Lehrern ganz herzlich danken. Wir haben hier auf der Hansa-Schule eine Menge gelernt und Erfahrungen gesammelt. Das war also die Schulzeit.

 

Und ich sage nur noch: School, [...]* School, wir werden dich vermissen.

Doch jetzt heißt es, weiter hoch die Treppe, und ich hoffe, daß wir alle die richtige erwischen.


Julia Seevers, Abiturientin, auf der Entlassungsfeier der Abiturienten des Hansa-Gymnasiums am 8. Juli 1999.

* Die vorliegende Rede Julia Seevers ist kein Originalskript, sondern von einer Tonbandaufnahme übernommen. Die in eckigen Klammern gekennzeichneten Stellen deuten auf Passagen hin, die unverständlich waren. Hinweise in eckigen Klammern stellen Interpretationen des Gesagten dar. Sollte der Leser Passagen in besserer Erinnerung haben, bitten wir um eine kurze E-Mail, um die Reder vervollständigen zu können. Vielen Dank.

Für die Authentizität der abgedruckten Rede besteht keine Gewähr.