Liebe Abiturienten,

liebe Eltern, liebe Kolleginnen und Kollegen, meine Damen und Herren, zur Verabschiedung der Abiturienten gehört die Ansprache des Schulleiters, so will es der Brauch - jedes Jahr aufs neue - [...]* in diesem Jahr spreche ich gerne zu Ihnen/zu Euch, unter anderem auch deshalb, weil ich einige von Euch selbst im Unterricht genießen durfte. Nach langen 13 Jahren ist es heute der Tag, an dem man heraustritt aus dem behüteten und umsorgten, kleinen, fast immer heilen Welt der Schule und des Elternhauses. Hinaus in die vermeintlich freie Welt der Universität und des Berufes. Endlich will einem nicht dauernd jemand etwas sagen, endlich will man [nicht] immer einen um sich haben, der einen beschützen will, endlich will man frei sein. Solltet Ihr, liebe Abiturienten, Euch heute so fühlen, wir Lehrer gönnen es Euch und freuen uns daran mit Euch. 13 Jahre sind eine lange Lehrzeit mit viel Hausmannskost; uns wundert es nicht, wenn Ihr Euch darüber freut, daß das alles jetzt vorbei ist, und Ihr etwas neues anfangt. Wir fühlen mit Euch. Auch wenn's lange her ist, wir alle, auch wir Lehrer, haben einmal ein Abi-Zeugnis erhalten -- und vielleicht ähnlich gefühlt. Viele von Euch freuen sich darüber, daß sie es nach 13 Jahren - und manchmal sind es ja auch ein paar mehr gewesen - überhaupt geschafft haben - wenn auch gerade so eben. Auch Eure Freude teilen wir gern, haben wir doch häufig dabei auch ein bißchen mit geholfen. Einige von Euch freuen sich darüber, wie sie es geschafft haben. Das will ich heute lieber nicht kommentieren. Die Zeit der Auseinandersetzungen ist spätestens mit dem heutigen Tage vorbei. Aber über jene, die stolz darauf sind, daß sie es so gut geschafft haben, möchte ich noch ein paar Worte verlieren. Ich denke dabei gar nicht so sehr an das stolze Ergebnis mit 13 Schülern, die eine eins vor dem Komma haben. Ich denke daran, daß Ihr alle, die Ihr ein gutes Abitur gemacht habt, sicher sein könnt, daß Euer Abitur mehr ist als nur eine Eintrittskarte für irgendeine Universität. Ihr könnt guten Gewissens davon ausgehen, daß Ihr erfolgreich studieren werdet, wenn Ihr so weiter macht, wir wir es von Euch hier an der Schule gewohnt worden sind. Ihr dürft zu Recht stolz darauf sein. Ihr alle bekommt heute mit dem Abiturzeugnis eine wertvolle Eintrittskarte für viele interessante Studien- und Berufsfelder in unserer Gesellschaft. Macht was draus. Daß Ihr Genies seid, bescheinigen wir Euch nicht. Wir bescheinigen Euch nur, wie gut Ihr mit unseren Anforderungen zurecht gekommen seid. Wir hoffen, daß Ihr bei uns gelernt habt, was Ihr ganz besonders gut könnt. Und was noch wichtiger ist, daß Ihr gelernt habt, was Ihr nicht so gut könnt. Wenn Ihr dieses erfüllt, was wir uns gewünscht haben, dann habt Ihr die beste Möglichkeit, Euch einen richtigen Beruf auszuwählen. Einen Beruf, bei dem Ihr nicht ständig an der Grenze Eurer Leistungsfähigkeit arbeitet, wo Ihr auch noch Zeit habt. Nur dann kann man sich auch für außerberufliche Dinge engagieren. Und, liebe Abiturienten, wenn es nach Eurer Auffassung vielleicht so ist, daß Ihr noch nicht genug Rückgrat habt: Ihr seid noch so jung. Und wenn Ihr Euch einen Beruf wählt, in dem Ihr Zufriedenheit findet, und wenn Ihr dann auch eine private Zufriedenheit entwickelt, dann könnt Ihr auch Engagement entwickeln. Und dann könnt Ihr auch Rückgrat beweisen, und da bin ich sicher, daß Ihr das werdet. Hier könnte ich nun eigentlich Schluß machen, hätte ich nicht am Anfang gesagt, daß ich mich heute hier vorne wohlfühle. Ich komme gerade zu einem Teil meiner Ansprache, der sich mit uns beschäftigt. Mit uns, Euch, Lehrern und Schülern und den letzten Wochen. In der Schülerzeitung zitiert ein anonymer Schreiber Emanuel Kant. Er schreibt sich seinen Frust von der Seele ohne sich in der selbstverschuldeten Unmündigkeit zu bekennen. Die Zeitung solltet Ihr kaufen. Ich will auch mal Kant zitieren, und, wer Philosophie hatte, kennt das vielleicht, was ich jetzt sage. Kant sagt: "Handle so, daß die Maxime Deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könnte." Die volkstümliche Übersetzung heißt: "Frage Dich bei Deinem Tun stets, wie wäre es denn, wenn es alle täten." Euer Anliegen, Euch in den nächsten Tagen hier in der Schule zu verewigen, so daß Ihr und wir uns auch noch nach zehn Jahren aneinander erinnern, wenn wir an Eurem Denkmal vorbeigehen, muß am kategorischen Imperativ gemessen werden dürfen. Die Schule ist jetzt 111 Jahre alt. Wenn ich mir vorstelle, daß sie 111 Denkmäler hat ... Aber schön wäre es vielleicht, wenn wir 111 Bäume um die Schule hätten. Also darüber müssen wir noch ein bißchen nachdenken - und uns an Kant erinnern. An Eurem letzten Schultag will ich noch einen gutgemeinten Versuch wagen, Euch um Verständnis zu bitten für Entscheidungen, die Ihr möglicherweise noch nicht verstanden habt. Wenn nach einer Schulveranstaltung randaliert wird, darf die Schule im Interesse künftiger Veranstaltungen sich nicht mit der Auskunft zufrieden geben, daß es die anderen waren, jene, die keiner kennt. Wenn unsere Abiturienten, also Ihr, in bester Absicht den letzten Schultag, den sogenannten traditionellen Abi-Streich, feiern wollt, sich dabei wie selten zuvor an die Vereinbarungen halten und die Mittelstufenschüler ihnen das Konzept verderben, indem sie Euch und uns mit rohen Eiern bewerfen, dann darf die Schule nicht wegschauen. Wir haben nachgesehen, Herr Küster und ich. Haben nicht weggeschaut. Die beiden Werfer haben inzwischen die Patenschaft für ein Stück Grün vor der Schule übernommen ... [Applaus] ja, die interessante Frage, wenn so etwas passiert, ist denn ja auch: "Wie kommen rohe Eier in die Schule?" Auch hier haben wir etwas Interessantes entdeckt: Ein 16jähriger Schüler hat sich die morgens gekauft, weil sein Vater an dem Tag Geburtstag hatte, und nun wollte er in der Schule einen Kuchen backen. Auch eine sehr interessante Variante. [Lachen] Also auch an diesen kleinen Dingen können Lehrer oft Freude haben, wie sie merken. Noch ein Wort zur Abizeitung. Florian hat den größten Teil der Arbeit übernommen, was selten ist, auch die redaktionelle Verantwortung. Im großen und ganzen seid Ihr alle, die Ihr an der Zeitung mitgewirkt habt, fair mit der Lehrerschaft umgegangen, das ist auch nicht immer selbstverständlich. Wenn wir Lehrer allerdings Euch so beurteilen würden, wie Ihr untereinander es getan habt, dann hätten wir erheblichen Ärger. Ich möchte Euch die Frage mit auf den Weg geben, soll man die Menschlichkeit eines Mitmenschen wirklich mit Punkten bewerten? Auch hier sollte man wieder an den kategorischen Imperativ denken. Und jetzt schon fast wieder ein bißchen verfremdend zu der Frage, was wäre, wenn man das mit mir machen würde? Zum Schluß möchte ich ganz persönlich, nicht als Schulleiter noch zwei Sätze sagen. Ich habe einen Leistungskurs Physik zum Abitur geführt. Zum 13. Mal an dieser Schule. Wir, also meine Schüler und ich, wir sind, was die Leistungen angeht, unserer Aufgabe gerecht geworden. Bin ich offensichtlich auch, wie ich aus der Abizeitung entnommen habe. Ich möchte Euch danken für die unglaublich angenehme Atmosphäre. Ihr habt es stets verstanden, mich in kürzester Zeit zu entspannen, wenn ich von Schulleiter- und Hausmeisterstreß oft sogar zu spät zum Unterricht erschien. Herzlichen Dank an Euch, es war eine wirklich schöne Zeit.

 

[...]*

 

Ich entschuldige mich auch dafür, daß ich eine Zeit lang mit Euch gepokert habe, aber das brauch' auch ne Zeit.


Hans Heinrich Henk, Schulleiter des Luisen-Gymnasiums, zum Anlaß der Entlassungsfeier der Abiturienten des Jahrgangs 1999 am 8. Juli 1999 in der Aula des Luisen-Gymnasiums

 

* Die vorliegende Rede Herrn Henks ist kein Originalskript, sondern von einer Tonbandaufnahme übernommen. Die in eckigen Klammern gekennzeichneten Stellen deuten auf Passagen hin, die unverständlich waren. Hinweise in eckigen Klammern stellen Interpretationen des Gesagten dar. Sollte der Leser Passagen in besserer Erinnerung haben, bitten wir um eine kurze E-Mail, um die Reder vervollständigen zu können. Vielen Dank.