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Lebensbegleitung
Alles braucht einen Titel, einen Namen, eine Überschrift - auch eine Abschlußrede. Erfüllt "Lebensbegleitung" die Bedingungen, die man gemeinhin an Abschlußreden stellt, an Überschriften? Was war das doch gleich, Aufmerksamkeit in einer beladenen, überfrachteten Welt erhaschen, dem Leser bzw. Zuhörer bei der Stange halten. Ich glaube, Lebensbegleitung erfüllt diese Kritierien nicht. Der Abschlußreden-gebildete [...] [Lehrer/Leser] wird sich beispielsweise langsam über den unbequemen Holzstuhl rekeln, weil er gottergeben eine langatmige Auseinandersetzung um die Frage der Persönlichkeitsentwicklung und Wissensvermittlung durch Schule und durch die Institution erwarten wird. Ich möchte mich mit dieser Frage aber eigentlich gar nicht auseinandersetzen. Das sollte jemand tun, der einen […] [starken/stärkeren] Glauben an die Halbwertszeit und Nachhaltigkeit von Wissensvermittlung besitzt. Nein, Lebensbegleitung ist hier ein bißchen anders zu verstehen. Es bezieht sich auf ein bestimmtes Buch. Warum greift sie ein beliebiges Buch aus der Fülle derer, die sie in ihrer Schullaufzeit gelesen haben wird, fragt sich jetzt der eine oder andere unter ihnen. Für mich ist die Auswahl aber nicht ganz so willkürlich, wie es auf den ersten Blick scheint. Dieses Buch war mein Begleiter durch die ganze Oberstufe. Dieses Buch eines Autors, den zumindest die regelmäßigen Gäste dieser Institution schon einmal auf einem Plakat gelesen haben müßten, gesetzt dem Fall, daß sie nicht jeden Tag blind, weder rechts noch links schauend durch die dunklen Gänge eilen. Dieser Name müßte Ihnen bekannt sein: Thomas Brussek. In der ach so sinnlosen Vorstufe hat Frau Sekur uns mit diesem Gegenwartautor vertraut gemacht. Und hier bedeutet Gegenwartautor einmal nicht scheintote Figur aus der Zeit kurz nach Kriegsende, sondern wirklich ein [...] und junger Literat. Sein Werk, "Wasserfarben", werde ich vermutlich mit meiner Schulzeit verknüpfen. Und nicht nur mit meiner Schulzeit, sondern mit meiner ganzen Generation, wenn das nicht zu pathetisch klingt. Ein trauriges Resümee zieht eine zentrale Figur des Romans, die ebenfalls die Abiturrede - allerdings im DDR-System - am Ende einer erweiterten Oberschule halten soll. Er zieht das Resümee, die Farbe der Jugend ist wasserfarben. Diese Farbbestimmung trifft auch auf uns zu. Brav haben wir das Theaterstück vom kritischen Schüler mitgespielt, Kritik geübt, wo sie keine mehr war, wie […] [dressierte] Hunde. Ein böser, niederträchtiger Vorwurf an die Schulinstitution? Nein, eigentlich mehr die traurige Erkenntnis, daß Kritikfähigkeit nicht zum Lernziel taugt. Kritik bedarf eines starken Gegenpols, wenn Sie so wollen, eine harte Hand, gegen die Rebellion möglich ist. Statt dessen werden wir für ein klein bißchen Engagement über den Kopf gestreichelt und erhalten ein Leckerlie. Ich denke da besonders an das groß inszenierte Theaterstück der Demonstration Hamburger Schüler. Sätze wie "Dafür kriegen wir doch keine Fehlstunden, oder?" wurden laut. Aber hier und da hörte man aber auch "Gegen wen demonstrieren wir eigentlich? Wir werden doch von allen Seiten unterstützt." Hätten wir ernstlich Widerstand erwartet, wären wir dann wirklich auf die Straße gegangen? Das fällt mir durchaus nicht leicht, vor mir selbst einzugestehen, daß mir das Rückgrat wohl gefehlt hätte. Wie ich zu dieser Überzeugung gelange? Andrea, Katrin, einige Hansaschüler und ich wollten eines schönes Schultages nicht wie blinde Schaafe der "Wir wollen mehr Geld"-blökenden Demonstranten-Herde in Bergedorf hinterherlaufen. Ein Blick in die total irrwitzigen Asta-Forderungen hatte unsere Solidaritätbestrebungen den Studenten [gegenüber] ziemlich schnell schwinden lassen. Statt dessen wollten wir am "Tag der Bildung" innerhalb und außerhalb der Klassen unsere Mitschüler animieren, sich über ihre Bildungsideale klar zu werden und möglicherweise auch Bildungsutopien zu entwickeln. Bei der Verwirklichung stießen wir aber erstmals auf wirkliche Ablehnung, Skepsis und Kritik. Banalitäten wurden zu größeren Hindernissen. "Mein Gott der Unterrichtsausfall, die Klausuren und und und …" Aber wir sind nicht mit wehenden Fahnen gegen diese Widrigkeiten vorgegangen, wir habe nicht mit Pauken und Trompeten den Lehrern das Zepter aus der Hand genommen, sondern nur kleinlautbittend zu unserm Herrn Schulleiter gekrochen. Ich weiß nicht, ob die Schule uns das Rückgrat gebrochen hat oder ob wir schließlich nie eins hatten. Ist man mit einem geboren oder sollten wir im Laufe unseres Lebens selbst eins entwickeln? Falls dem so sei, kann ich leider nicht behaupten, dieses Ziel erreicht zu haben. Dabei war es nicht einmal die Angst vor Strafe, die uns so feige sein ließ, sondern unser stetes Bemühen um Konsens, Diplomatie. Genau wie ein Protagonist meiner Lebensbegleitung sehe ich die Gefahr, die in dem Bestreben nach Einigung, friedlicher Lösung, dem Wahren des guten Tones steht. Wir sind wasserfarben, weil wir alle Farben zulassen. Alle Farben durch uns hindurchscheinen, wir für alles Verständnis haben, nur eine eigene Farbe, die konnten wir nicht entwickeln. Darf ich das alles in einer Abschlußrede eigentlich sagen? Gerade ich, die ich der Schule so viel zu verdanken habe? Ich meine Lehrer, die mich unterstützt haben und mir bei der Überwindung von Schwächen geholfen haben. Und davon gab es durchaus nicht wenige. An den richtigen Stellen in die falsche Richtung geschaut haben und sogar die Hühneraugen hier und dort zugedrückt haben. Wie kann gerade ich es wagen, ein System zu kritisieren, an dessen Fehlerhaftigkeit ich nicht unschuldig bin?
Meiner Ansicht nach liegt genau hier eines der Probleme. Indem ich die Vorzüge genossen habe, bin ich unfähig geworden, harte Kritik zu äußern. Ich bin Mitläufer. Und genauso ist meine ganze Generation Mitläufer geworden - nur daß viele es noch nicht einmal bemerkt haben. Wir sind wasserfarben, weil Wasser durchsichtig ist, sich der Form, in die es gegossen wird, anpaßt. Es tut mir leid, daß ich Ihnen eine Rede ohne witzige Anekdoten und frechen Anspielungen präsentiere, aber es wäre verlogen gewesen, denn Lachen entlastet, befreit und macht das Vergessen und Verdrängen leichter. Außerdem denke ich auch hier abermals an einen Auszug aus meinem Lebensbegleiter: "Ich werde einen Rede halten, die ich vor jedermann verantworten kann.", sagt der Abschlußredenhalter. Das selbe muß auch ich tun. Jetzt habe ich ja indirekt doch wieder auf die Frage nach Persönlichkeitsentwicklung durch die Schule mich eingelassen. Also doch wieder eine Abi-Rede gehalten, wie sie schon so oft und so folgenlos gehalten wurde. Aber vielleicht ist es die einzige Form von Freiheit, die Schule dem Abiturienten als Gewissensentlastung bieten kann. Hannah Uhle, Abiturientin des Jahrgangs 1999, zum Anlaß der Entlassungsfeier der Abiturienten 1999 im Luisen-Gymnasium |
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