Liebe Abiturienten, meine sehr verehrten Damen und Herren,

herzlich willkommen heute Abend hier in der Hansa-Schule. Albert Einstein, der Vater der Allgmeinen Relativitätstheorie, der, auch das mag manchen überraschen, der von seinen Lehrern als unterdurchschnittlich beurteilt wurde. Albert Einstein hat bis zum Abitur genau zwölf Schulen ausprobiert. Er beglückwunschte sich dazu in einer gereimten Ansprache, die er bei der 50-Jahr-Feier eines Gymnasiums hielt. Unter anderem reimte er:

Wenn [...]* [Du der einst] nur eine Penne hast, befriedigend als braver Gymnasiast und ohne Untat, wacker durchgestanden, mußt einmal jährlich, Du zu Deinem Schaden, nach altem Brauch zum Festmal eingeladen, von Deiner Schule.

Ich begrüße unter den Gästen besonders herzlich alle Ehemaligen, die ohne Angst vor Schaden unserer Einladung gefolgt sind. Und ich begrüße natürlich auch alle Eltern, die schließlich während einer langen Schulzeit alle Höhen und Tiefen miterleben mußten oder ums mit dem Abistreichmotto zu sagen, die häufig "Himmel und Hölle" erfahren haben, wenn es um ihre Kinder ging.

Die Ehemaligen und die Eltern erinnern sich sicher noch an Entlassungsfeiern, in denen der schwarze Anzug Pflicht war und in denen der Klassenlehrer eine in der Regel dann sehr mahnende Rede hielt. Heute soll dieses Verabschiedung in Form einer hoffentlich fröhlichen Feier und ohne mahnende Rede geschehen trotz möglicher Untaten und vor allem ohne Schaden für unsere Schüler. Auch wenn ich gleich die Frustrationshypothese und eine Fahrt nach Amsterdam mit einem zeitgemäßen Bild von Schule zu verknüpfen versuche. Denn für unsere teuflischen Abiturienten muß das gleiche Motto gelten, das für uns Lehrer gelten soll. Es ist das Motto aus dem Schreiben unserer Abiturienten an uns Lehrer, um uns auf den Abistreich vorzubereiten. Denn die Lehrer waren unsicher, ob ihnen "Himmel" oder "Hölle" bevorstehen würden. Und dafür hieß das Motto in dem Schreiben an die Lehrer "fürchtet Euch nicht".

Und so lädt der Tag auch heute dazu ein, unter diesem Motto gute Ratschläge zu erteilen und noch einmal das Bild der Schule zu zeichnen, das zumindest in den letzten neun Jahren das Leben unserer Abiturienten bestimmt hat. Im Zusammenhang mit diesem Bild von Schule ist der Appell "fürchtet Euch nicht" in der Tat sehr häufig ausgesprochen sinnvoll. Zwar gilt, daß alle Aussagen über Schule, die den Anspruch auf Allgemeingültigkeit erheben, entweder trivial oder falsch sind, denn Schule ist so mannigfaltig, daß man zu fast jedem Phänomen das genau Gegenteilige beobachten kann. Aber es gilt auch, was Alfred Lichtwark im Jahre 1905 in einem Vorwort für das Buch "Das Hamburger Schulwesen" schrieb, das damals von der Oberschulbehörde herausgegeben wurde. Alfred Lichtwark schrieb 1905: "Wollten wir uns ein Bild der Schule ausmalen, die mit dem Leben wirklich verwachsen ist, es würde sich wohl in wesentlichen Zügen von dem herrschenden Zustande unterscheiden. Wir würden Schüler sehen, die in jedem Augenblick von dem Gefühl des Glückes und des Stolzes erfüllt wären, in der Schulgemeinschaft ihren Lehrern und Mitschülern verbunden zu sein, die mit Heimweh und Sehnsucht an Schule und Schulzeit denken, die den Zusammenhang mit der Schule, der sie angehört haben, nie verlieren. Nicht wenige werden es für einen Utopie halten. Ihnen sei gesagt, daß es von dieser Welt sein kann."

Dieses Bild von Schule ist, das wissen wir, zunächst tatsächlich nicht von dieser Welt. Denn von ehemaligen Schülern hört man, ich zitiere: "Die folgenden drei Jahre der Oberstufe überboten an Langweiligkeit alles. Nach Beginn des Unterrichts versanken wir nach und nach in eine Art Abwesenheit, in der wir uns mit eigenen Gedanken beschäftigen, die ganz und gar nichts mit dem gerade behandelten Fach zu tun hatten. Viele unserer Lehrer waren alt und standen kurz vor ihrer Pensionierung. Mit dem Witterungsvermögen der Jugend bekamen wir bald ihre Steckenpferde und sonstige Schrullen heraus, und fiel es uns nicht schwer, mit der Eintönigkeit unseres Schullebens fertig zu werden. Das Pensum, der Lehrstoff wurde in fast allen Fächern zäh und mehrfach gekaut. Mir drängt sich unwillkürlich das Bild eines grasfressenden Hundes auf, und wir hatten durchaus den Eindruck, daß diese Zwangsarbeit den Lehrern die selbe Pein zu bereiten schien."

Dieses Bild klingt zeitnah und modern, allein schon wegen der Bemerkung zum Alter der Lehrerschaft. Und deshalb ist es folgerichtig, daß wir ähnliche Bemerkungen auch in der Abizeitung 99 finden. Und in solchen Bildern finden wir nicht die vom Glück und Stolz erfüllten Schüler, die Alfred Lichtwark 1905 in seinem Bild von Schule vor Augen hatte. Wir finden dagegen diese scheinbar modernen Züge und das Bild von Schule mit dem grasfressenden Hund häufig in den Medien, sobald sie von Schule berichten, oft auch in Stellungnahmen unserer Senatorin. Und dieses Bild scheint tatsächlich ein zeitloses zu sein, denn die genannten Zitate über das Dasein in der Oberstufe der Hansa-Schule stammen von dem ehemaligen Hansa-Schüler [...]* [Günther Ewards], der seinem Sohn zeigen wollte, wie es damals zugegangen ist. Damals, das war vor 65 Jahren. Damals ist es auch die Zeit, in der der amerikanische Psychologe John Dollard gerade seine Frustrationshypothes formulierte, die auch in der diesjährigen Abizeitung ihren Niederschlag gefunden hat. Und [...]* [gegen den vielen Spott in der] Abizeitung schreibt Günter Ewards über die Zeit in der Hansa-Schule vor 65 Jahren: "Wir hielten uns schadlos außerhalb der Schule. Da war der Sport, der viele von uns begeisterte. Der Fußball des HSV beherrschte bereits die Sextaner, wir turnten, widmeten uns der Leichatlethik, schwammen und trugen unseren Ehrgeiz in Wettkämpfen aus.

Und [...]* [so bildete, so war das] schon damals, als man die Frustrationshypothe noch gar nicht kannte, Strategien einer Frustrationsvermeidung. Und das scheint immer noch ein Trend der modernen Zeit. Denn "das wirkliche Leben findet in der Freizeit statt", so fand ich in einer pädagogischen Fachschrift. In diesem Bild kommt der Lehrer als Akteur kaum vor, denn seinen Tätigkeit verkörpert eher traditionelle Kultur statt kulturelle Innovation, und was ist schon die Einsamkeit eines Langstreckenläufers gegenüber der Gemeinschaft von Abenteuerurlaubern - richtig langweilig. Und der Kampf gegen diese Langeweile, der scheint richtig anstrengend zu sein. Denn "total übermüdet" fielen die Abenteuerurlauber dieses Jahrgangs "gegen 14 Uhr alle in ihre Betten, um am Abend wieder fit für das Amsterdamer Nachtleben zu sein". So steht es in der Abizeitung.

Um verständlich zu machen, daß das Bild von Schule und daß der Drang der Schüler nach Freizeit und Abenteuerurlaub tatsächlich mit der Frustrationshypothese von Dollard zusammenhängen könnten, will ich diese Zusammenhänge aus meinem Wahrnehmen darstellen, die auch diesen Jahrgang einschließen. Die Frustrationshypothese sagt vereinfacht aus, daß jede Entbeherung, definiert als die Behinderung zielstrebigen Verhaltens, Frustration und Aggressivität bewirkt. Und Anlässe von Frustration und damit verbundene Trotzreaktion und Aggression [...]* [bietet] das Bild von Schule und tatsächlich nahezu unendlich viele. Auch die gereimte Ansprache Albert Einsteins läßt erahnen, daß seine Schulerfahrungen von reinem Frust geprägt gewesen sein könnten, an dem er zwölf Schulen teilhaben ließ.

Anlaß von Frustration kann die Schulpolitik sein, die der Öffentlichkeit nachzuweisen versucht, daß jede Kürzung von Unterricht und daß jede Verschlechterung der Bedingungen eine Investition in die Zukunft ist. Anlaß von Frustration kann auch der Vergleich der unterschiedlichen Erwartungen sein, die die Eltern und die Schüler und die die Wirtschaft an die Schule haben. Obwohl die Wirtschaft doch allmählich begreifen müßte, daß Schulen keine Fließbandarbeit leisten und daß Kinder keine genormten Werkzeuge sind, bei denen die Standards nach Belieben verändert werden können. Und viele weitere Anlässe von Frustration bieten sich zudem in vielfältiger Weise den Schülern sehr direkt. Und alle diese Anlässe lassen sich wahrscheinlich auch beim tiefem Nachdenken über Schule und auch unter großen Mühen nicht vermeiden.

Ein erster wesentlicher Anlaß für eine solche unvermeidliche Frustration ist zum Beispiel die Tatsache, daß der Unterricht morgens beginnt, auch wenn man erst kurz vorher mit Rainbow Tours aus Amsterdam eingetroffen ist. "Eine der wichtigsten Bedingungen für die gesunde Entwicklung des Kindes ist ausreichender Schlaf", schreibt [...]* [Burgerstein] in seinem Buch "Schulhygiene" aus dem Jahre 1909. "Damit dem zulässigen [...]* [Geistzersetzung] nicht überschritten werde, muß der Aufwachsende, welcher, wie schon betont, nicht nur Verbrauchtes zersetzen sondern auch zu wachsen hat, unter anderem auch ausreichend Schlaf hat. Die Herabsetzung des Stoffverbrauches im Schlaf begünstigt den Ersatz und Neuansatz von Körpersubstanz, was für das Wachsen des Körpers sehr wertvoll ist. Es können ferner weite Schulwege und die Arbeit für die Schule zur Verkürzung der notwendigen Schlafdauer beitragen. Jedenfalls ist es verfehlt, wenn das Kind morgens aus dem Schlaf geweckt werden muß." Über eine Möglichkeit, wie die zeitgemäße Schule diesen Frustrationsanlaß mindern könnte, schrieb das Hamburger Abendblatt vor einem Jahr: "Immer mehr Berufsschulen schließen sich dem Schlafrhytmus der Kinder an. Weil die Teenager morgens nur langsam in Fahrt kommen, wird der Unterrichtsbeginn verschoben. Schwänzen und Disziplinarprobleme haben sich deutlich verringert, seitdem die Schule erst um acht Uhr dreißig anfängt. Gerade die Schüler der elften und zwölften Klassen haben ihre Leistung außerordentlich gesteigert.

In seinem Buch "Schulhygiene" aus dem Jahre 1909 wies der eben zitierte Autor, [...]* [Burgerstein], auch noch auf einen weiteren, zeitlosen Anlaß für Frustrationen hin: "Es sind überaus schwierige Fragen, welche hier nach der Lösung verlangen, so viel aber ist sicher: Der selbstredend unvermeidliche [...]* darf offenbar jene Grenze nicht überschreiten, welche zur Überforderung, daß heißt soweit führt, daß mangelns rechtzeitigen Ausgleichs eine Schädigung der Entwicklung eintritt. Mindestens von einem Tag zum anderen ist für die Schüler volle Erholung zu fordern." Auch hier gibt es natürlich Strategien einer Frustrationsvermeidung und das hat sehr schön einer unserer diesjährigen Abiturienten bewiesen:

"Hiermit beantrage ich meine Befreiung aus dem Spanischkurs, um mich mehr den Fächern, die mir gefallen, widmen zu können. Vom Stundenplan her ist die Befreiung kein Problem, da ich 35 Wochenstunden habe und auch keine Naturwissenschaft abgewählt habe. Auch kann keine Rede davon sein, daß ich an Spanisch zerbreche. Da der Schule [...]* auch andere interessante Fächer zur Beschäftigung bietet, sehe ich keinen Grund, mich weitere sieben Wochen mit Spanisch zu quälen. Mit freundlichen Grüßen."

So wie also Schlafentzug und Überforderung fast zwangsläufig zur Frustration führen müssen, so kann ein weiterer Anlaß von Frustrationen eine Reisevorbereitung sein. Bereits vor 340 Jahren empfahl der neuerschienene "philus achatis", der getreue Reiseführer, Vorsicht. Der Autor riet dem Reisenden, sich vor der Abreise das Abendmahl und die letzte Ölung geben zu lassen, sein Testament zu machen, alle Schulden zu bezahlen und Familienmitglieder, Freunde innigst zu bitten, sein kühnes Unternehmen in ihre Gebete einzuschließen.

Vor diesem Hintergrund ist die Planung einer Reise nach Holland eigentlich ohne Risiko. Denn schon in dem Buch "Hamburg in naturhistorischer und medizinischer Bedeutung" aus dem Jahre 1830 finden wir: "Der Hamburger scheint dem Holländer am nächsten zu stehen. Er besitzt ein gesundes klares Urteil, Beharrlichkeit des Willens, [...]* [und] sollte dieser auf die Ausführung eines bestimmten Zweckes sich beziehen oder der Verteidigung einer einmal gefaßten Meinung zum Gegenstande haben."

Aber selbst eine Reise nach Holland kann zu Frustrationen führen, denn wir finden in der Abizeitung: "Dieses Protokoll unserer Abifahrt zeigt, wie Sie es besser nicht machen sollten, es sei denn, es macht Ihnen nichts aus, nachts um vier bei arktischen Temperaturen todmüde durch Amsterdam zu irren. Die Gastfreundlichkeit der Eingeborenen ließ teilweise auch zu wünschen übrig, jedenfalls, wenn man sich dort als deutscher Touri outete."

Auch in diesem Zusammenhang wäre eine Strategie der Frustrationsvermeidung denkbar gewesen. So hat das niederländische Büro für Tourismus vor vier Jahren in einer Broschüre, die für das Hotel- und Gaststättengewerbe bestimmt ist, die charakteristischen Eigenschaften von Ausländern beschrieben. Über die Deutschen weiß das Tourismusbüro folgendes: "Deutsche Touristen bevorzugen keine Museen, sie haben Freude an Wasser und Wassersport, nach Ausflugsattraktionen und Zoos. Was dagegen haben unsere Abiturienten gemacht? Sind durch Amsterdam gelaufen, haben Sachen auf Flohmärkten erstanden, das Anne-Frank-Haus besucht, eine Kirche oder das Jüdische Museum. Und "leider war das Van-Gogh-Museum nicht geöffnet". In der Broschüre des niederländischen Tourismusbüros heißt es weiter: "Deutsche schlafen am liebsten in einem großen Bett, Hotelzimmer müssen nicht luxeriös sein, aber mindestens über zwei Stühle verfügen." Und welchen Anspruch zeigt unser Abi-Jahrgang? "Der Tag war letztlich so anstrengend, daß wir fast froh waren, in den Rainbow Tours Bus zu steigen und dort noch eine Runde zu schlafen."

Unsere Abiturienten hätten sich als deutsche Touris geoutet, aber keine hätte es erkennen können, was natürlich zu Frustrationen führen muß. Aber wenn Schüler unzureichend informiert nach Amsterdam fahren, wenn sie sogar Schlafentzug und Überanstrengung in Kauf nehmen, ganz abgesehen von gesundheitsgefährdender Unterkühlung, und wenn sie Konsequenzen in Kauf nehmen, mit denen sie rechnen müssen, weil sie doch Schulz von Thun gelesen und weil sie die Zusammenhänge zwischen Frustration/Aggression verstanden haben, dann muß es dafür tieferreichende Gründe geben, als den Drang der Schüler nach Freizeit und Abenteuerurlaub.

"Was kann das kurze Reisen schon nützen? Es befreit unsere Seele nicht von ihren Leidenschaften, das [...]* der Reiseeindrücke macht unsere seelisch noch perfider und oberflächlicher. So kommt es, daß die Menschen die Reiseorte, zu denen sie mit aller Gewalt wollten, noch eilfertiger wieder verlassen, sie erleben alles wie im Fluge, wie die Möwe und reisen schneller wieder ab als sie kamen.", so fragte schon der römische Philosoph Seneca. "Was steckt dahinter?", das fragte auch das Hamburger Abendblatt in einem Kommentar zur Reisewut der Deutschen. "Tiere verlassen ihren angestammten Lebensraum nur, wenn sie in Not sind, weil es nicht mehr genug zum Fressen gibt oder zu saufen. Denn das Leid macht uns nur weinen. Und wenn es aber wirklich stimmt, daß jedes Reisen immer auch ein Nachdenken über die Zeit bedeutet, hat diese Flucht aus dem Alltag doch einen wichtigen Sinn.

Von dem Leid des Schlafmangels und dem Leid der [...]* habe ich gesprochen. Das Nachdenken über die Zeit enthält einen ganz anderen Aspekt. Das Nachdenken über die Zeit ist bei den Abiturienten vor allem auch der Rückblick und die Bilanz nach 13 Jahren Schule. Und da das Phänomen Zeit so schwer zu verstehen ist, weil es absolut nicht greifbar ist, obwohl es doch mit Albert Einstein manche Erhellung gefunden hat, zeigt sich, daß unsere Wahrnehmung der Zeit nicht immer gleichbleibend ist. Es gibt Gelegenheiten, bei denen die Zeit oft dahinzurasen scheint, andere bei denen sie zu schleichen oder sogar stillzustehen scheint. Unsere Wahrnehmung der Zeit ist stark davon abhängig, was wir tun und ob wir dieses Tätigkeiten langweilig oder interessant finden. Denn eine einzige absolute Zeit gibt es in Einsteins Relativitätstheorie nicht. Nach ihr hat jedes Individuum sein eigenes Zeitmaß, das davon abhängt, wo es sich befindet. Nicht umsonst entsteht deshalb in Abizeitungen und in vielen Ansprachen bei den Entlassungsfeiern jedes Jahr wieder die zum Teil sehr subjektive Beschreibung eines Zustandes der Schule, die aus den ganz verschiedenen Blickwinkeln der Beteiligten wahrgenommen wird. Und nicht umsonst wird dabei rückblickend auch Rechenschaft abgelegt über die Schule als Lebensraum, den sie für die Schüler über einen so langen Zeitraum darstellen mußte, wie sie auch Lebensraum für den Lehrer ist, die hier ja ihre Zwangsarbeit verrichten. Bei diesem Nachdenken über die Zeit, und das wird bei der Lektüre der Abizeitung deutlich, bei dem Nachdenken über die Zeit wird den Abiturienten offensichtlich bewußt, daß in diesem Lebensraum Schule wesentlich auch der [...]* [Boden] mit Identität verbunden ist. Und solche Lebensräume, die bezeichnet der Biologe als primäre Territorien.

"Primäre Territorien bieten dem Menschen ein Gefühl von Geborgenheit und befriedigen ein universales Bedürfnis. In praktisch allen Kulturen, ob traditionell oder modern, bauen sich sowohl einzelne Personen als auch ganze Familien nicht nur deswegen ein eigenes Haus, um Schutz und Geborgenheit zu finden, sondern auch, um sich ein ureigenes Territorium zu schaffen." So schreibt Desmond Morris in seinem Buch "Die Horde Mensch". Und weiter schreibt Desmonde Morris: "Bei traditionellen Gesellschaften markieren darüber hinaus meistens bestimmte Riten den Übergang eines Menschen von einem Status oder Lebensalter zum nächsten. Zu einem vollwertigen Stammesangehörigen zu werden samt allen damit verbundenen Rechten und Pflichten ist etwas, was nicht mit dem Erreichen der Volljährigkeit automatisch eintritt. Der Übergang vom Status des Kindes zu dem des Erwachsenen ist eine einschneidendes Ereignis von solcher Tragweite, daß es durch traditionelle Riten markiert werden muß. Diese Riten machen gleichsam öffentlich bekannt, daß der Stammesangehörige von nun an einen neue Stellung in seiner Gruppe einnimmt." In diesem Sinne sind die üblichen Abistreiche und auch die Fahrt der Abiturienten nach Amsterdam, die sich, wie der Biologe formulieren würde, wie territoriale Gruppenwesen verhalten haben, als solche Rituale zu verstehen.

Das Nachdenken über die Zeit von 13 Jahren Schule ist genaugenommen aber immer auch der Versuch, im Sinne einer Bilanz, vielleicht auch im Sinne einer Rechenschaft, den Wert von Prognosen zu überprüfen, die die Grundlage für Entscheidungen waren. Ein Problem, dem sich Eltern sehr bewußt werden, wenn sie für ihre Kinder die richtige weiterführende Schule aussuchen wollen. Wobei die Eltern sich mit der Entscheidung für die richtige Schule dabei oft sehr schwer tun, die für ihre Kinder ja "Himmel" oder "Hölle" sein kann, erhalten sie von allen Seiten kluge Ratschläge. Zum Beispiel in der Zeitschrift "Focus". In der Ausgabe "Focus" vom 1.2.99 findet man unter der Überschrift "Die beste Schule für mein Kind": "Die Stimme am anderen Ende der Leitung klingt verzweifelt. ‚Ich kann doch kein Latein!', klagt die Mutter. [...]* ‚Wie soll der Junge das schaffen?' Intelligent sei er. Sehr intelligent sogar. [...]* liest er auch genug. Leider könnte er keine 20 Minuten still sitzen. Muß er das? Wird das Gymnasium den großen Talenten des kleinen auch tatsächlich gerecht?" Schulangst also, nicht etwa bei den Schülern, bei den Eltern. Es plagt sie eine alte Sorge: Ihre Sprößlinge könnten zu schlecht sein für die Schule, dem Druck der Lehrpläne nicht standhalten, die wenigstens ebenso schwerwiegt, wie die neue Befürchtung, die Schulen könnten zu schlecht sein für ihre kleinen Überflieger, die bestenfalls fordern, aber nicht fördern und ihnen zu wenig Disziplin abverlangen.

Dafür, daß es sehr schwer ist, gültige Prognosen zu stellen, über einen längeren Zeitraum, mit Blick auf die Zukunft bestand haben, dafür gibt es eindrucksvolle Beispiele. So zum Beispiel die Prognosen des bekannten Futurologen Hermann Kahn aus dem Jahre 1968 für das Jahr 2000. "Im Jahr 2000 gibt es [...]* [wirksame] Appetit- und Gewichtskontrollen, kein Mensch muß mehr wiegen, als er will. Winterschlaf, für medizinische Zwecke, auch für Menschen. Riesenunterseeboote für Massenguttransporte." Auch schon Ende des 19. Jahrhunderts wurden von bekannten Wissenschaftlern, Experten Prognosen abgegeben, die für das 20. Jahrhundert zutreffen sollten. "Die neuen Automobile werden unsere Straßen so leise machen wie einen Waldweg. Das Getrappel der Hufen, das Quitschen der Eisenräder werden verschwinden. Und da Automobile so viel kleiner und seltener sind als Kutschen, haben wir auf den Straßen wieder viel mehr Platz."

Prognosen, die sich auf den Lebensraum Schule beziehen, sind da nicht wesentlich sicherer. Das zeigt schon die Prognose, die die Lehrer über Albert Einstein abgaben, das zeigt auch die Schulpolitik, die seit mindestens zehn Jahre davon spricht, daß endlich wieder Lehrer eingestellt werden und das zeigt auch das Beispiel Hansa-Schule. Denn als 1990 dieser Abiturjahrgang eingeschult wurde, da gab es Prognosen über die Zukunft der Hansa-Schule, sowohl in den Medien also auch in unserer vorgesetzten Behörde. 1990 hatte die Hansa-Schule anfangs nur 40 Anmeldungen - aus Sicht des Amtes viel zu wenig. Die Freunde der Gesamtschulen witterten Morgenluft, da die Gesamtschulen expandieren und die Gymnasien verdrängen wollten, denn die Gesamtschule war die Schule der Zukunft. Schon Anfang 74 hat schließlich der hamburgische Landesschulrat vor der Presse die Ansicht, ab 1980 könnte "mit der schrittweisen Umstellung des gesamten Schulwesens auf Gesamtschulen" gerechnet werden. In den Medien wurde 1990 wohl auch deshalb diskutiert, ob aus dem Standort Hansa-Schule nicht eine Gesamtschule werden sollte. 1999 hat die Hansa-Schule 125 Anmeldungen, aus Sicht des Amtes viel zu viel. Die Freunde der Gesamtschule wittern Verrat, da der Run auf die Gesamtschulen rückläufig ist und einige Gesamtschulstandorte nun ums Überleben kämpfen.

Die einzige Prognose, die für eine Schule offenbar Bestand zu haben scheint, und das zeigt die Abizeitung und das zeigen solche Berichte, wie der des ehemaligen Hansa-Schüler [...]* [Günther Ewerds] die einzige Prognose von Bestand, die wir Eltern als sicher nennen können, ist deshalb, daß es Frustrationsanlässe geben wird, daß es zur Frustration für ihre Kinder kommen muß. Denn das Bild von Schule scheint zu jeder Zeit mit Frustrationsanlässen gekoppelt zu sein. Frustrierte Schüler und frustrierte Lehrer kennzeichnen offensichtlich die zeitgemäße Schule. Und deshalb muß die Frage erlaubt sein, wie denn die Schule nun so verletzlich das zielstrebige Bereiten der Schüler behindert, und daß sie folgerichtig frustriert werden müssen, heute offensichtlich genauso zuverlässig wie vor 65 Jahren. Und es muß vor allem auch erlaubt sein zu fragen, wer denn das zielstrebige Verhalten der Lehrer behindert, oder der Professoren, die doch auch alle frustriert sind und manchmal auch aggressiv. Wir würden zumindest eine Erklärung finden, eine Beobachtung, die wir auch in der Abizeitung lesen: "So steigt mit jedem Tag Schule Frustration und Demotivation. Und wie schon besagter Journalist erfaßt hat: Selbst die klugen Schüler werden zu Schulschwänzern." Doch an der Uni, so warnt der Journalist, herrsche auch das Zeittotschlagen. Bestätigen kann ich dies durch einen Beobachtung von den Unitagen. Der Professor schien auch nicht motivierter als die Lehrer unserer Schule."

Erklärungsansätze finden wir in der Literatur zahlreiche. [...]* von [...]* [Georg Felsenberg]: "Schüler sind so von privaten Emotionen besetzt, daß für schulische Angebote im Grunde kein Platz mehr ist, weil sie von völlig anderer Art sind als alles, was dem Schüler in seiner Privatwelt begegnet." [Und das sollen wir für seine] Argumentation halten, daß sich viele Schüler der Schulwelt systematisch entziehen und sie, wie sie selbst sagen, zur zweitwichtigsten Nebensache der Welt machen. Denn die heutige Schule ist so liberal konstruiert, daß es [...]* leisten kann, einen Terminkalender für außerschulische Tätigkeiten zu haben, wie ein Manager für seine beruflichen Verpflichtungen. Der Schule stellt sich die Frage, wie [...]* in ihrem Programm und ihrem dichtbesetzten Feld noch Platz finden kann. Vom Schüler aus betrachtet bedeutet das, daß er ständig in Zeitdruck ist, denn an seinem Status als Schüler will er eisern festhalten, aber wenn es denn eben geht, unter eigenen Bedingungen.", so schreibt Georg Fels in dem Buch "Der verwaltete Schüler".

Das sind häufig bemühte Erklärungsansätze, aber sie können zumindest auf unseren aktuellen [Jahrgang] 99 nicht zutreffen. Denn daß sich Schüler dieser Stufe nicht nur von besagten Emotionen besetzt waren, und daß sie sich nicht der Schulwelt systematisch entzogen haben, wie eben als These von Georg Fels dargestellt, das zeigen zum Beispiel 14 Schüler dieser Stufe, indem sie nach der Amsterdamfahrt Verantwortung übernahmen und Herrn Loer unterstützt haben. Ich zitiere: "Sie haben in [hervorragender] Weise den Werkraum zu entleeren. Sie haben der Schule einen großen Dienst erwiesen. Gezeichnet Loer." Und das zeigten unter anderen vor allem Arndt, Alexander, Mattias, Nicola und Tilman, die als Vertreter der Schüler Verantwortung übernahmen, indem sie als Schulsprecher die Schule mitgestaltet haben. Ein Zitat aus der Abizeitung drückt das sehr zutreffend aus: "Nicola ist unsere ‚Mama'." Ist Mama da? "Nicola ist unsere ‚Mama'. Unheimlich einsatzbereit und oft selbstlos engagiert. Offen für Probleme. Eine tolle Stufensprecherin, die den ihr gebührenden Dank leider viel zu wenig erhalten hat." Und diesen Dank, Nicola, möchte ich deshalb hier auch ganz offiziell für unsere Schule aussprechen. [14 Sekunden Applaus]

Da die Erklärungsansätze von Georg Fels also nicht zutreffen können, zumindest nicht auf diesen Jahrgang, will ich einen weiteren Ansatz nehmen, der die Frustrationshypothese in das Bild von Schule einbezieht und der so den oft beobachteten gemeinsamen Frust von Lehrern und Schülern vielleicht eher erklären kann. Dieser Ansatz geht von der Annahme aus, daß die Ziele von Lehrern und Schüler nicht deckungsgleich sind, daß deshalb [Ziel]konflikte entstehen. Denn das, was der Unterricht sein kann, soll der Welt außerhalb der Schule einmal brauchbar sein, und zugleich sollen die Abiturienten darauf vorbereitet werden, sich selbst in der Welt außerhalb der Schule bewähren zu können. Und am Ende muß der Unterricht auch dem genügen, was die Schüler, [...]* Schule gehen, als bedeutungsvoll erleben. Ich zitiere aus der Neuen Züricher Zeitung vom 19.11.98: "Es bedarf nicht vieler Worte, um darzustellen, daß diese Aufgaben in einem Zielkonflikt münden, und zwar in einem mehrfachen Zielkonflikt. Die reine Wissenschaft geht in der pädagogischen Aufbereitung und in der [...]*, junge Menschen dazu zu bringen, sich ihre Gegenstände auch innerlich zu eigen zu machen, schnell verloren, gleichzeitig fordert sie absolute Beachtung und beansprucht einen Geltung auch jenseits des alltäglichen Nutzens für sich. Die Welt der Abnehmer kümmert sich kaum um die reine Wissenschaft, so wird umgekehrt oft ziemlich opportunistisch auf eine gerade aktuelle Note ausgelegt wird, jetzt gerade die Fähigkeit zum lebenslangen Lernen, Fremdsprachen, Internet, Sozialkompetenz, vor einigen Monaten noch asiatische Disziplinen. Allein der Fertigkeiten diskreditiert entwicklungspsychologisches und bildungsorientiertes Handeln. Und schließlich machten Studierende getreu dem nihilistischen Denken, in dem sie groß geworden sind, schnell einmal geltend, daß die Schule zu trocken und zu unpersönlich sei, und lehnen schließlich die Situation, daß sie in der Auseinandersetzung bedingt, was sie lernen von Erwachsenen immer wieder zu [Anfängern] gemacht werden, innerlich ab." Soweit die Neue Züricher Zeitung. Und wenn wir uns daran erinnern, daß mit der Frustrationshypothese jede Behinderung zielstrebigen Verhaltens zu Frustrationen führt, ist diese Erklärung eine einleuchtende. Wenn das Bild von Schule also zwangsläufig mit Frustrationsanlässen gekoppelt ist, weil Zielkonflikte zum Bild einer Schule gehören, dann macht eine Frustrationsvermeidung [...]* Sinn, denn, und die Erklärung ist ebenfalls naheliegend, denn die Schule ist und bleibt ein Ort der inneren Reifung von jungen Menschen, ein Ort, an dem sie lernen sollten, sich zum vermeintlich Unangenehmen auch zu zwingen, ein Ort, an dem er erkennen muß, daß der bequeme Weg meist nicht der richtige Weg ist.

Vor neun Jahren [...]* Gespräche mit Eltern zu führen, die sich für einen solchen Ort der innern Reifung, nämlich der Hansa-Schule, interessierten. Und in sehr guter Erinnerung ist mir eine Mutter, die damals sehr [...]* die verschiedenen Schulen befragte und die sich auch bei uns sehr genau über die Hansa-Schule erkundigte. Diese Mutter hatte damals vor neun Jahren genaue Erwartungen an die richtige Schule für ihr Kind. Und aus den Gesprächen wußte ich, daß diese Mutter Frustrationen für ihren Sohn vermeiden wollte, auch wenn sie es damals so nicht ausgedrückt hatte. Sie wollte, daß sich ihr Sohn bei uns wohlfühlen würde, und zumindest in diesem Fall konnte die Hansa-Schule für neun Jahre die Erwartungen erfüllen. Denn kurz vor dem mündlichen Abitur, da sagte doch ihr Sohn zu mir, die Hansa-Schule sei die Schule gewesen, an der er sich glücklich gefühlt hätte. In der Hoffnung, daß sich unsere Schüler bei uns wohlfühlen würden hatten wir damals vor neun Jahren natürlich auch Vorstellungen, wie wir an dieser Schule arbeiten mußten, um unsere zukünftigen Abiturienten so auszurüsten, daß sie den Anforderungen der Zukunft gewachsen sind, und [da haben wir] den Eltern unsere Vorstellungen geäußert.

Vor neun Jahren wußten wir allerdings nicht, daß man heute nach Schlüsselqualifikationen fragen würde, und auch Albert Einstein hat damals von Schlüsselqualifikationen nichts gewußt. Ich gehe davon aus, [...]* seine Prognosen allerdings, die trafen ein. Ich behaupte auch, daß dies vor neun Jahren überhaupt nicht hilfreich gewesen wäre, sich allein auf den Erwerb von Schlüsselqualifikationen zu fixieren, denn immer noch scheint dieser Begriff beim genauen Hinsehen ausgesprochen inhaltsleer zu sein. Und es fällt auf, daß Schlüsselqualifikationen neuerdings als Kompetenzen verstanden werden, die nur dann einsatzfähig sind, wenn man über ein solides, gut vernetztes und flexibel einsetzbares Wissen verfügt. Das jedenfalls betont Jürgen Baumert vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in einem Interview im Focus vor knapp drei Wochen. In diesem Sinne konnten diese Abiturienten hier [...]* Schlüsselqualifikationen bereits vorweisen, bevor der Begriff in der Diskussion um Schule überhaupt Einzug gefunden hat. Das zeigt nicht nur der Bericht über die Fahrt unserer Abiturienten nach Amsterdam. "Bei der Diskussion über die Abifahrt zeigten einige Leute unserer Stufe Flexibilität, Kooperations- und Kompromißbereitschaft, vergaßen dabei auch nicht die Tipps aus dem Buch von Schulz von Thun "Miteinander Reden" im Gespräch anzuwenden." Und alle Teilnehmer unterschrieben, daß sie für ihr Handeln die Verantwortung selbst übernehmen wollten, ein großes Ziel der Arbeit von der Schule, wenn es um die Vermittlung von sozialen Kompetenzen geht.

Alles das zeigte zum Beispiel auch Tilman schon als Schüler der Mittelstufe, wenn er uns wiederholt deutlich machte, daß er sich bewegen könnte, Drohungen und Sanktionen gegen das Rauchen in der Schule zu entgehen. Und das zeigte unser Schulsprecherteam, das [...]* von Schülern durch die Veranstaltung von Schülerratsseminaren zur Mitarbeit und Gestaltung der Schule motivieren konnte. Unsere Schüler haben für die Schule gearbeitet, nicht nur bei Herrn Loer im Werkraum. Sie haben auch für das Leben gelernt, so jedenfalls steht es in der Abizeitung.

Wir können die Fahrt nach Amsterdam also eindeutig als Beleg dafür, daß unser Abiturientenjahrgang in dem Besitz von Schlüsselqualifikationen ist, und daß unsere Abiturienten mit dieser Fahrt sogar in mehrerer Hinsicht für das Leben gelernt haben. Wir können die Fahrt nach Amsterdam aber auch einordnen als notwendiges Ritual im Zusammenhang des Überganges von der Schule in das sogenannte Leben. Denn "Übergangsriten dienen in erster Linie zur Bewältigung dessen, was man Lebenskrisen nennen könnte. Geburt, Geschlechtsreife, Heirat, Elternschaft und Tod, dies alles sind deutliche Meilensteine auf dem Lebensweg der Stammesangehörigen. Die dazugehörigen Rituale sind nicht nur dazu da, die verschiedenen Etappen zu markieren, sondern sollen dem einzelnen auch helfen, mit den persönlichen Žngsten und Belastungen fertig zu werden, die solche Entscheidungen und Einschnitte im Leben mit sich bringen." So noch einmal Desmond Morris in "Die Horde Mensch". Und wenn immer wieder [...]* Amsterdamfahrt in der Abizeitung beschrieben wird, daß [...]* den Schülern unendlich wichtig gewesen sein soll, dann drückt dieses Bedürfnis etwas von dem [...]* Bild der Schule aus, das Alfred Lichtwark bezeichnet hat. Daß unsere Abiturienten zum Abschluß ihrer Schulzeit mit dem Gefühl des Glücks und des Stolzes erfüllt wären, mag in manchen Fällen zutreffen, ein konkretes Beispiel [...]* [habe] ich vorhin genannt, aber es trifft wahrscheinlich nicht auf alle zu. Aber daß unsere Abiturienten in der Schulgemeinschaft das Gefühl der Verbundenheit für sich verspürt haben, das drückt die Fahrt nach Amsterdam aus.

Beim Nachdenken über Zeit in einem so entscheidenen Einschnitt des Lebens, wie es das Abitur darstellt, bei diesem Nachdenken zeigt sich deshalb auch, daß trotz aller Frustration und der damit verbundenen Aggression viele Schüler die Schule verlassen, die für sich eine positive Bilanz ziehen können, auch das zeigen vielfältigerweise die Abizeitungen. Und der [...]* zwischen den Frustrationen, mit denen sich die Schüler zwangsläufig auseinandersetzen müssen, und [...]* Bild Alfred Lichtwarks, in dem der Schüler von dem Gefühl des Glückes und des Stolzes erfüllt wären, dieser Wiederspruch ist deshalb ein scheinbarer, trotz der auch angesprochenen Zielkonflikte. Und ich denke, dieser Jahrgang ist dafür ein Beleg. Er hat trotz aller Frustrationserfahrungen sein Verbundensein mit der Schulgemeinschaft gezeigt, unter anderem auch mit einem sehr schön gelungenen Abi-Streich und dem Ausmalen der Rauchernische.

[...]* ist der Sinn des aggressiven Antriebs, der immer wieder zu neuen [...]* Frustrationen führen kann, in einem großartigen Bild dargestellt. Die [...]* Mutter wird in diesem Märchen als Hexe gezeigt, die mit ihren Schätzen für Kinder furchtbar gefährlich wird: Sie will sie fressen. Gegen diesen dämonisch-[...]* Anspruch hin folgt eine riesen Aggression, die im Märchen im Verbrennungstod der Hexe im [...]* dargestellt ist. Aber sie [...]* den Kindern frei zu sagen, neue Schätze zu [...]* Und so waren die Anmeldezahlen vor 1990, so war also unser diesjähriger Abiturientenjahrgang schon vor seiner Einschulung Anlaß für eine riesen Aggression - den Gegenern des Gymnasiums. Und so hat die Frustration unserer Schulgemeinschaft über die Pläne 1990, aus der Hansa-Schule eine Gesamtschule machen zu wollen, zu einer riesen Aggression unserer Eltern geführt, die damals "Himmel" und "Hölle" in Bewegung gesetzt haben. Diese riesen Aggression war gleichzeitig der Anstoß für unsere Schule, neue Wege zu gehen und nach neuen Schätzen zu suchen und ganz nebenbei zu ermögliche, daß dieser Jahrgang ohne Störung bis zum Abitur gelangen konnte.

Liebe Abiturientinnen, liebe Abiturienten, Euch wird das wirkliche Leben nach der Schule jede Menge weiterer Frustrationsanlässe liefern. Zumindest darauf hat die Schule Euch hinreichend vorbereitet. [...]* Leben in einer modernen Gesellschaft der Zukunft braucht, das wir heute nicht. Denn wir nur ahnen, in welchen Weg Ihr aus der Hansa-Schule entlassen werdet. Es gibt auch hier ein schönes Beispiel: Im Jahre 1934 ließ der Automobil-Hersteller Mercedes eine auf 50 Jahre angelegte prognostische Studie erstellen. Dabei wurden [...]* Steigerung der Produktion ausgearbeitet. Von unter 2000 Autos pro Jahr auf 40000 im Jahre 1984. Dies hielt man technisch für möglich, ohne daß die Qualität des Wagens litte. Dennoch wurde der Plan von vielen Ökonomen verworfen, weil sie bezweifelten, daß das Bildungswesen 40000 qualifizierte Fahrer hervorbringen könne. 1934 dachte man, selbst wenn ein Mercedes nur [...]* selbst gefahren werde, sei ein Fahrer für die Pflege und eventuelle Reparaturen der komplizierten Maschine unverzichtbar.

Die zukünftigen Anforderungen in Wissen und Fertigkeiten lassen sich in der modernen Welt mit hohen Änderungsraten immer noch nicht befriedigend vorhersagen. "Ein maßgeblicher Orientierungspunkt eines modernen schulischen Bildungsprogramms ist die Unbestimmtheit einer sich beschleunigt entwickelnden Wissensgesellschaft.", so noch einmal Jürgen Braunert vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung. [...]* [Und deshalb will ich zum Schluß einen] Ratschlag für unsere Abiturienten mit einem Bild verbinden:

Ein moderner Mensch verirrt sich in der Wüste. Unbarmherzige Sonnenglut dörrt ihn aus. Da sah er in der Ferne eine Oase. Eine Fata-Morgana, dachte er. Eine Luftspiegelung, die er nicht merkt. [...]* [Er sah da vor allem] das Gras und die Quelle. Eine [...]*fantasie, dachte er. [...]* Er hörte das Wasser rinnen. Eine Gehör[...]*[-präsentation], dachte er, wie grausam doch die Natur ist. Einige Zeit danach kamen [...]*[zu ihm] zwei Beduinen, tot. "Verstest Du das", fragte der eine den anderen, "Die Datteln wachsen ihm doch fast in den Mund, neben der Quelle liegt er, verdurstet." Da erwidert der andere: "Er war ein moderner Mensch."

Vielleicht hat dieser moderne Mensche eine zeitgemäße Schule besucht, vielleicht sogar eine moderne Schule. Von dort verfügte dieser modernen Mensch über wesentliche Schlüsselqualifikationen, vielleicht war er flexibel, kooperativ, kompromißbereit und teamfähig, vielleicht war dieser moderne Mensch sogar bereit, Verantwortung zu übernehmen, wie unsere Abiturienten bei der Planung der Fahrt nach Amsterdam. Mit Sicherheit war dieser Mensch frustriert. Und mit Sicherheit hat ihm bei der Lösung seines Problems eine riesen Aggression wenig helfen können. Aber ganz sicher auch hat dieser Mensch etwas wesentliches nicht bedacht, und deshalb zitierte ich zum Abschluß aus dem Buch "Tao te Puh" von Benjamin [...]*, es ist das Buch von Tao und von Puh dem Bär. "Mit dem Kopf kann man alle möglichen Sachen machen, aber diese Sachen sind nicht das, worauf es ankommt. Abstraktes Denken trennt den Denker nur von der wirklichen Welt, und diese Welt, der wirkliche Wald um uns herum, ist jetzt in einem schrecklichen Zustand, weil zu viele zu viel denken. Ganz ungeachtet dessen, was sich viele verschiedene Menschen ausdenken, bis sie es selber glauben, kann es so nicht viel länger weitergehen, wenn die Welt überleben soll. Unsere einzige Chance, die Entwicklung [...]* abzuwenden, besteht darin, unsere Einstellung zu ändern und Weisheit und Zufriedenheit schätzen zu lernen. Dabei wird überall gesucht, mit Wissensdurst und Klugheit, aber mit Wissen und Klugheit sind sie nicht zu erlangen. Die Meister des Lebens kennen den Weg, denn sie hören auf ihre innere Stimme. Die Stimme der Weisheit und Einfalt, die Stimme der Vernunft jenseits aller Klugheit, die Stimme der Gewißheit jenseits allem Denken."

Diese Stimme ist nicht etwa [...]* im Besitz weniger, sonderm jedem Menschen gegeben. Aber wer ihr seine Aufmerksamkeit schenkt, wird wieder zu oft als Ausnahme von der Regel betrachtet [...]* als lebendes Beispiel dafür, wie das Prinzip funktioniert. Im Prinzip, das für jedermann anwendbar ist, der Gebrauch davon macht. In jedem von uns steckt eine Eule, ein Kaninchen, ein [...]*, ein [...]*, doch haben wir allzu lange den Weg von Eule und Kaninchen eingeschlagen, und jetzt beklagen wir uns, [...]*und die [...]* Aber das bringt nichts. Wenn wir gescheit sind, nehmen wir den Puh-Weg. Puh der Bär ist einfach so, wie er ist. Er geht ganz eigene Wege [...]* und er hat vor allem eine Art, durch die er dem Mensch in aller Welt ans Herz gewachsen ist. Er war, glaube ich, noch nie in seinem Leben frustiert.

[...]* Ihr wart ein teuflisch guter Jahrgang. Alles Gute für Eure Zukunft und vor allem: Fürchtet Euch nicht, denn jetzt seid Ihr vollwertige Stammesangehörige, und ich denke, das habt Ihr mehrfach bewiesen.


Helmut Andersen, Schulleiter, auf der Entlassungsfeier der Abiturienten des Hansa-Gymnasiums am 8. Juli 1999.

* Die vorliegende Rede Herrn Andersens ist kein Originalskript, sondern von einer Tonbandaufnahme übernommen. Die in eckigen Klammern gekennzeichneten Stellen deuten auf Passagen hin, die unverständlich waren. Hinweise in eckigen Klammern stellen Interpretationen des Gesagten dar. Sollte der Leser Passagen in besserer Erinnerung haben, bitten wir um eine kurze E-Mail, um die Reder vervollständigen zu können. Vielen Dank.

Für die Authentizität der abgedruckten Rede besteht keine Gewähr.