Wir sind froh und stolz!

Morgens 7.50 Uhr vor dem Physikraum. Alle warten. Ob Henk uns mal wieder vergessen hat? Nein, leider nicht, da kommt er schon. Und sein Kaffee darf natürlich auch nicht fehlen, den immer Arne halten darf, wenn Herr Henk die Tür öffnet. „Guten Morgen meine Damen, guten Morgen meine Herren.“ „GUTEN MORGEN HERR HENK.“ Herr Henk bemerkt natürlich sofort ,dass Dennis fehlt. „Ist wohl noch Glatteis in Aumühle oder wo ist Dennis schon wieder? Maria, aufschreiben.“ Doch bevor Maria dazu kommt, in dem allseits geliebten Kursheft die Anwesenheit zu protokollieren, klopft es auch schon an der Tür. „´tschuldigung“. Bilge hat da wie immer mal eine Frage. „Ich hab da mal eine Frage, Herr Henk! Im Buch stand was über die Kirchhoffsche Regel einer Serienschaltung. Können wir dazu mal eine Aufgabe rechnen?“ Henk geht natürlich gerne darauf ein und schmückt den eher trockenen Stoff bereitwillig mit einer netten Geschichte. „Bilge ist auf einer einsamen Insel und da er sich allein in Dunkeln fürchtet, will er eine Glühbirne mit U=230 V zu glühen bringen. Welchen Ohmschen Widerstand braucht er dafür?“ „3300 OHM“ haben alle heraus, aber Herr Henk verfolgt die Frage weiter. „ Wie baut sich Bilge so einen Widerstand? Lars Otto, du bist doch mein Hardwaremann, wie macht man so etwas?“ Tja, Lars Otto hat auch nicht so richtig die Peilung. Henk: „Lars Thoroe?“ “§²6%, {:-}.” Henk: “Gut Lars!” Alle wissen Bescheid. Henk: „Noch ne Frage, Bilge, oder können wir jetzt weitermachen?“ Es klingelt zur Pause. „Ist das nicht ein schöner Pausengong?“, sagt Herr Henk. Trotzdem, auch währende der Pause erzählt Herr Henk ganz ungeniert weiter. „Ich war gestern auf einer Konferenz, da wurde über japanische Unterrichtsmethoden berichtet. Da die Japaner bekanntlich die besten sind, machen wir heute mal japanischen Unterricht.“ Er schreibt eine Formel an die Tafel. „Japanischer Unterricht ist, wenn eine Gruppe von Schülern in Eigenregie die zweite Formel aus der ersten herleitet.“ Während Herr Henk sich mit Kaffee stärkt, inspiziert er das Waschbecken, das Mal wieder total eingemüllt ist. Diesmal ist Leefke schuld: „Leefke, du Ferkel!“ Herr Henk ist Schulleiter. Zum Physikraum kommt er deshalb nicht pünktlich, weil er nach dem ersten Gong am Morgen noch fünf Minuten auf seine Schäfchen warten muss. Um die zu bestrafen, die kein korrekt ausgestelltes Zeugnis über die Unvermeidbarkeit ihres späten Kommens vorweisen können. Herr Henk liebt die Leiterschaft, das Wolfsein und er liebt die alte deutsche Schule. Er ist nicht weiter als bis zum Volksempfänger gekommen; oder nicht darüber hinweggekommen, dass er die Befehle der Volksempfängerei, nicht diktieren, nur empfangen durfte. Sein Volksempfänger jetzt ist die Gong- und Sprechanlage seiner Schule. Kein Schüler und kein Lehrer darf sich seinen Einbleuungen entziehen. Die Radios in den Supermärkten, deren Ton die Marktleiter nur regulieren, aber nicht abstellen können, sind von einem Leistungsschüler Henks erfunden worden. Und das Gefühl von Wertschätzung der Person und ihrer Arbeit, das die Supermarktzentrale an ihre Marktleiter übermittelt, mag nicht viel anders als sein als das, welches Henk, unvermittelt während der Unterrichtsstunden, gar während des Abiturs, durch seinen Mund über die Sprechanlage in die Ohren und Kopf und Herzen der Lehrer und weiter in ihren Magen wandern, und sie, abhängig ihrer Selbstwahrnehmung, bei einigen zu Geschwüren, bei anderen zu Karzinomen sich verdichten, und, wenn sie zu voller Würze gereift sind, aus dem Schlund stinken lässt wie ihn. Endlich! Es ist vollbracht. Das schier unerreichbare Ziel ist endlich erreicht. Was am Anfang fast unschaffbar erschien, ist nun doch vollendet. Letzten Endes ist das Erfolgsgefühl eigentlich fast nicht mehr zu trüben. Wir sind froh und stolz. Wir, das sind vor allem erst mal ich. Und ich sage: „Vielen Dank an alle people, die mich irgendwie weitergebracht haben. An dieser Schule gibt es enorm viele Schubladen, in die du hineinsortiert wirst. Also immer zu allem ja und Amen sagen, wenn du einen Einserschnitt haben willst. Finde das rechte Maß an Schleimen und Können. Finde heraus, welcher Lehrer auf was genau abfährt, und biete ihm genau das. Mach nie zuviel und immer nur bei den Leuten Hausaufgaben, die sie auch wirklich nachgucken. Schummel, lüg und schwänz, zu richtigen Zeit, was das Zeug hält. Babys, ich wünsche euch nur das Beste für eure Zukunft, und danke, dass ihr immer für mich da wart.“ In Abschlusszeitungen wollen viele richtig abrechnen. Ich wusste nach dreizehn Jahren nicht mehr, womit überhaupt abrechnen. Nach der zehnten Klasse waren wir Vs. Vorsemester, oder Vorstufe. Was es wirklich heißt, wusste keiner. Wohl aber, was es bedeutete: Kurz vor der Oberstufe zu stehen. In der Oberstufe darf man das Schulgelände verlassen. Man darf Rauchen, und sich die Entschuldigungen selbst schreiben. In der Vs darf man vorkosten, welchen Beigeschmack die neuen Freiheiten haben, wie also der Preis für die Freiheit schmeckt, des freien Lebens, für das wir also hier, von deutschen Beamten, zuverlässig qualifiziert werden sollten: Das Punktesystem wurde eingeführt. Vs. Vorsicht. Für einige war dieses Kosten ein Vorkosten, denn sie haben das Gift in der Speise geschmeckt. Und sie ausgespieen. Wir haben geschluckt. Auch haben wir gekotzt. Unzählige Male ausgekotzt, dafür waren u.a. die Wochenenden da. Und mit Eintritt in die Oberstufe Nächte vor schwänzgünstigen Schultagen. Kotzen müssen ist etwas anderes als auszuspeien. Ganz anders ist: gar nicht erst schlucken. Aber zu schlucken ist etwas, dass sich in der Oberstufe gut lernen lässt. Es ist etwas, dass unter der Oberfläche liegt, und nicht auf dem Lehrplan steht. Man lernt es zwischen den Menschen. Hinter einem wohlmeinendem Grinsen, einem bloßstellendem aber verständnisvollem Scherz über verkaterte Schüler am Dienstag und Mittwochmorgen steckt das was die Schüler lernen dürfen von ihren Lehrern: ich komme auch damit klar, ich zeig dir wie es geht. Ich bin auch eine geselliger Mensch. Ich bin Tutor und lade mir euch zum Saufen ein. Die Alkoholiker unter den Lehrern waren nicht die Schlechtesten. Eingefleischter Alkoholismus ist der gelungene Versuch des verschluckten Selbst, von irgend jemandem zur Kenntnis genommen zu werden. Indem es auf dem Pegel des Gesoffenen langsam, manchmal über Jahre, aber stetig an die Oberfläche steigt. Ans Licht, ins Gesicht, ins Gehirn. Alkoholiker sind ehrlich, ohne es zu wollen. Deshalb gehörten die Alkoholiker nicht zu den schlechtesten Lehrern. Von ihnen haben wir viel gelernt. Endlich! Es ist vollbracht. Das schier unerreichbare Ziel ist endlich erreicht. Was am Anfang fast unschaffbar erschien, ist nun doch vollendet. Letzten Endes ist das Erfolgsgefühl eigentlich fast nicht mehr zu trüben. Wir sind froh und stolz. Über den Religionslehrer F. kursierten spätestens seit die ersten unserer Klasse die Dimensionen des Alkohols zu ertasten begannen, Gerüchte, dass er in den kleinen Pausen zwischen zwei Stunden auf die Lehrertoilette verschwinde und blau wiederkäme. Viel später, in der neunten Klasse haben wir in Ethik einen Walkman mit Aufnahmefunktion mitlaufen lassen. 90 Minuten, eine Doppelstunde Ethik bei Herrn F. Inklusive Fünfminutenpause. Vier Jahre vorher waren wir fast noch kreuzbrave Lateinschüler an der Hansa Schule, und wir fanden Herrn F. gut, weil er Fünfzigpfennigstücke springen ließ, für die Schnellsten im konjugieren. Dann aber brach der Krieg aus, der erste der für uns Gymnasiasten ausbrach. Wir waren so auf der Kippe, dass wir, um unser Missfallen mit Herrn Fs Botschaften über Krieg und Frieden auszudrücken, uns eines Mittels bedienten, dass uns noch sehr geläufig war: Wir spielten. Mit Playmobilcowboys Krieg, während der Lateinstunde. Und auch als Herr F schimpfte hörten wir nicht auf, sondern antworteten er habe uns doch gestern gesagt, Krieg sei gut. Wir nahmen den Unterricht auf, weil es in den Doppelstunden Ethik bei Herrn F. oft zu Konflikten gekommen war. Vor allem persönlich zwischen A. und Herrn F. A. ist aus Tunesien, Herr F. aus dem heiligen katholischen Reich. Ethik war ein Wahlpflichtfach. In der Neunten hatten wir die Pflicht, zwischen Religion und Ethik zu wählen. Ethik wurde von den Religionslehrern gelehrt. Weil A. sehr klug war, und ihr Erscheinen dem einer engagierten Anwältin entsprach, und Herr F erbitterter Verfechter seines und seiner Religion Standpunktes auf seiner Werteskala der Weltanschauungen, hätte ihm A. einmal fast eine geknallt. Es war die Ohnmacht der Überlegenheit, A. verfügte über die Intelligenz und die Sensibilität von Kindern aus Flüchtlingsfamilien. Wir, das sind vor allem erst mal ich. Und ich sage: „Vielen Dank an alle people, die mich irgendwie weitergebracht haben. An dieser Schule gibt es enorm viele Schubladen, in die du hineinsortiert wirst. Also immer zu allem ja und Amen sagen, wenn du einen Einserschnitt haben willst. Finde das rechte Maß an Schleimen und Können. Finde heraus, welcher Lehrer auf was genau abfährt, und biete ihm genau das. Mach nie zuviel und immer nur bei den Leuten Hausaufgaben, die sie auch wirklich nachgucken. Schummel, lüg und schwänz, zu richtigen Zeit, was das Zeug hält. Babys, ich wünsche euch nur das Beste für eure Zukunft, und danke, dass ihr immer für mich da wart.“ Als wir uns den Mitschnitt anhörten, zunächst enttäuscht, denn wir hatten uns Eskalationen wie neulich erhofft, machten wir eine Entdeckung. Der Unterricht verlief ruhig und geregelt, die ersten fünfundvierzig Minuten. Nach der Fünfminutenpause änderte sich Herrn Fs Ton und Art. Er schweifte ab, brachte die Sätze nicht zuende und provozierte, wir verfingen uns in Diskussionen. Herr F hat die Stunde früher beendet. Herr F ist an einem Herzinfarkt gestorben, vor seiner Klasse in unserer Schule. Er war keiner der schlechtesten Lehrer, auch er nicht, und als er starb waren wir in der Oberstufe und sind zu seiner Beerdigung gegangen. Womit soll ich abrechnen? Einige Jahre sind vergangen, ohne dass sich entscheidendes getan hätte. Noch zehre ich von den großen Ideen der Jugend, aber viel öfter sage ich nun früher. Je mehr ich verstehe, desto mehr saugt es mich in das schwarze Loch. Wie angenehm die Schulpflicht war, wie leicht ist war, sich gegen Aufgezwungenes aufzulehnen. Aber gegen was richtet man sich in der Freiheit auf? Gegen sich selbst? Das dies bereits in der Vorstufe begonnen hatte, merkte ich später. Endlich! Es ist vollbracht. Das schier unerreichbare Ziel ist endlich erreicht. Was am Anfang fast unschaffbar erschien, ist nun doch vollendet. Letzten Endes ist das Erfolgsgefühl eigentlich fast nicht mehr zu trüben. Wir sind froh und stolz.

Emil Tischler